Von Leo Wieland, Madrid
24. Juli 2008 Madeleine starb in der Nacht des 3. Mai 2007 in der Ferienwohnung von Praia da Luz“. Ihre Eltern sind verdächtig, den Leichnam versteckt zu haben“. Dies sind die beiden Hauptthesen des ehemaligen portugiesischen Kriminalinspektors Goncalo Amaral in seinem am Donnerstag in Lissabon vorgestellten Buch mit dem Titel Maddie - Die Wahrheit der Lüge“.
Amaral hatte zunächst fünf Monate lang die Ermittlungen in dem Fall der mysteriös an der Algarve verschwundenen“ vierjährigen Engländerin Madeleine McCann geführt. Er wurde schließlich entlassen wurde, weil er das ihm zu einseitig erscheinende Verhalten der britischen Behörden zugunsten der Eltern kritisiert hatte.
Ermittlungen aus Mangel an Beweisen eingestellt
Amarals Buch kam drei Tage nach der Bekanntmachung vom Montag auf den Markt, dass die portugiesische Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aus Mangel an Beweisen eingestellt hätten. Weder den Eltern Gerry und Kate McCann, die im vorigen September zu Verdächtigen“ erklärt worden waren, noch dem in Portugal lebenden Briten Robert Murat, der ebenfalls ins Zwielicht geraten war, könne eine Straftat angelastet werden, hieß es in der weiteren Begründung.
Diese Entscheidung war von dem früheren portugiesischen Polizeichef Alipio Ribeiro, der im Mai den Fall abgegeben hatte, weil er angeblich des Medienrummels um Madeleine überdrüssig war, als übereilt“ kritisiert worden. Ein Sprecher der Kriminalpolizei sagte daraufhin am Dienstag in Lissabon, dass die Behörden natürlich auch in Zukunft allen eventuellen neuen Spuren nachgehen würden.
Bevor nun der Ex-Inspektor Amaral am Donnerstag die Debatte durch seine Buchveröffentlichung neu entfachte, hatte die Zeitschrift Espresso“ den bislang geheim gehaltenen Abschlussbericht der Kripo veröffentlicht. Darin heißt es, dass die portugiesischen Behörden alles Erdenkliche unternommen hätten, um das Verschwinden des Kindes aufzuklären. Einige konkrete Nachforschungen seien jedoch nicht möglich gewesen, weil sich zum Beispiel Freunde der McCanns geweigert hätten, den genauen Ablauf der Ereignisse am Abend des 3. Mai zu rekonstruieren.
Überzeugt: Madeleine ist nicht mehr am Leben
Amaral bekräftigt in seinem Buch die mehrfach kolportierte Überzeugung der portugiesischen Polizei, wonach Madeleine nicht mehr am Leben sei. Nach seiner Darstellung starb sie mutmaßlich an den Folgen eines tragischen Unfalls“, der dann von den Eltern vertuscht wurde. Zur Ablenkung sei eine Entführung vorgetäuscht“ worden. Der Inspektor, der seine Folgerungen als auf Indizien und tatsächliche Beweise“ und nicht auf Werturteile“ gestützt präsentiert, macht abermals auf seltsame Unklarheiten und offene Fragen in dem Fall aufmerksam. Er beklagt, dass die britische Polizei am Anfang kooperiert habe, dies aber nach möglichen politischen Einflussnahmen im Zeichen einer internationalen Suchkampagne nicht mehr hinreichend getan habe.
Amaral wundert sich, warum die Eltern als eine der ersten Reaktionen nach der Entführung“ Berater angestellt hätten und auch warum der britische Botschafter gleich am nächsten Tag bei der portugiesischen Regierung vorstellig geworden sei. Er rügt, dass in England angeforderte medizinische Unterlagen über Madeleine nie in Portugal angekommen seien. Er fragt schließlich noch, warum die beiden jüngeren Geschwister des Kindes in jener Nacht ohne Bettlaken geschlafen hätten. Eine Sprecherin der McCanns warnte unterdessen den Autor, dass er mit einer Klage rechnen müsse, falls er in dem zweihundert Seiten umfassenden Buch tatsächlich direkt den Eltern eine Schuld unterstelle.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS