Von Claus Peter Müller
03. Juli 2008 In Kassel zeigen 34 Studenten der Kunsthochschule ihre Abschlussarbeiten in der Documentahalle. Unter dem Titel examen 08“ gelingt ihnen die Inszenierung einer Gemeinschaftsausstellung, in der die Exponate wie Klammern ineinandergreifen und einander Halt geben. Die Ausstellung zeigt, dass die Studenten in Kassel mit- und füreinander leben und arbeiten.
Die Studenten gehen mit ihren Arbeiten an Grenzen. Lioba Abrell ist Steinbildhauerin im bayerischen Schwaben und verdient ihr Geld mit der Fertigung von Grabmalen. In Kassel wendet sie sich dem Holz an der Grenze vom Lebenden zum Vergehenden zu. Sie fällte eine 30 Meter hohe Fichte, höhlte sie aus und teilte den Stamm in Abschnitte von 26 Zentimeter bis zu vier Millimeter. Nun trocknet dass Holz und zeigt, dass es, obschon geschlagen, noch ein lebendiger Werkstoff ist. Die Baumringe haben aneinandergelegt eine Länge von 40 Metern. Geteilt in drei Abschnitte sind sie eine der Klammern der Ausstellung.
Stumme Betonskulptur angesichts des Leidens
Jutta Herrmann, eine Keramikerin, wandte sich mit ihrer Arbeit dem traumatisierenden Schicksal ihrer Eltern zu, dem Krieg und der Vertreibung, unter dem nicht nur die Generation der Eltern, sondern auch die der Nachkriegskinder gelitten hat. Herrmann stellt sich dar als Betonskulptur, die angesichts des Leidens der Eltern noch immer stumm ist. Ein Video zeigt sie beim Abwasch in einem Selbstgespräch. Den Mut, die Arbeit der mehr als 80 Jahre alten Mutter zu zeigen, fand sie noch nicht.
Patrick Laubner, Kanadier und Deutscher, wagt eine Projektion in die Zukunft. In einer fiktiven Ausstellung aus dem Jahr 2117 zeigt er, wie sich als Folge des Klimawandels Waren- und Flüchtlingsströme gewandelt, Landschaften und Megastädte verändert haben könnten. Mit Hilfe von Bildern aus dem Internet hat er neue Städte konstruiert, indem er 180 Schichten von Bildern übereinandergelegt hat. Die Recherche nach der Zukunft führte ihn in die Vergangenheit: Er ergründete, warum die Wikinger auf Grönland nicht überlebten.
Frederick Vidal errichtete optische Fallen: Seine Fotografien zeigen auf den ersten Blick gefallenes Laub oder den Blick auf die Erde wie bei Google-Earth. Mit der Annäherung wird das Bild abstrakt, um aus der Nähe wieder ganz konkret zu werden. Es sind Fotografien, die Rückstände zeigen, die in der Kläranlage aus dem Abwasser gefischt wurden.
Abschluss der Ausstellung wird mit Tea Party gefeiert
Große Anstrengung verlangte sich Kathrin Rost ab. Die Schattenskulpturen sind Ergebnis ihrer Trauerarbeit, mit dem sie gemeinsam mit den Eltern den Tod ihrer Schwester zu bewältigen versucht. Der Tod der Schwester liegt wie ein Schatten auf der jungen Frau. Mit dem Licht der Erkenntnis aber, weiß Rost, ist dem Schatten nicht beizukommen. Unter dem strahlenden Licht ist er zwar nicht zu sehen, doch er existiert fort. Rost nahm Gegenstände aus dem Leben der Schwester, ließ sie Schatten werfen und zeichnete den Schattenriss. Den Riss nahm sie als Schnittmuster für Wachstuch, aus dem sie Beutel nähte. Diese füllte sie mit Gips. Mit Hilfe von Abdrücken fertigte sie Formen, damit sie die Schatten mit Epoxidharz nachgießen konnte. Es entstanden weißlich-grau-schwarze Skulpturen, die teils transparent sind, teils spiegelnd. Im Raum zwischen den Skulpturen, sagt Katharina Rost, sei das Abwesende anwesend.
Am Sonntag feiern die Studenten den Abschluss ihrer Ausstellung mit einer Tea Party“ an den überdimensionierten Möbeln der Japanerin Tomoko Goto. Bleiben wird im Internet Lukas Bunkowskis Abschlussarbeit www.pornografica.de. Pornographie, sagt der Student, sei für ihn die Entfernung der Distanz“, das Würdelose. Die Beiträge zu seinem aufwendig und liebevoll gemachten Internetprojekt sind vielfach zärtlich und durchaus respektvoll.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann
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