Von Jochen Hieber
24. Juli 2008 Bernhard Heitzer, der Präsident des Bundeskartellamtes, hat einen neuen Begriff geprägt, der alle Aussicht hat, wirklich populär zu werden, möglicherweise aber vor allem populistisch ist. Der Begriff lautet im schon fast schon üblichen Denglisch des Medienjargons: gebündelte Highlight-Berichterstattung“. Übersetzen wir ihn Schritt für Schritt. Gebündelt“ ist ein Synonym für zusammenfassend“. Highlight“ überträgt der Langenscheidt wahlweise mit Schlaglicht“, Querschnitt“, Höhe- oder Glanzpunkt“. Einzig das Wort Berichterstattung“ bedarf keiner weiteren Erklärung als jener, dass es natürlich um die Berichterstattung über die Fußball-Bundesliga im frei empfangbaren Fernsehen geht. Die aber hat Bernhard Heitzer gestern unter die schützenswerten Güter unserer Nation aufgenommen.
Und er hat dieses neue Gut auch ganz konkret definiert. Das Bundeskartellamt, so dessen Chef, sähe eine ausreichende Wahlmöglichkeit auf Seiten der Verbraucher erst dann gewährleistet, wenn die Highlight-Berichterstattung einen wesentlichen Teil des Spieltags umfasst“, zudem zeitnah und zu einem weiten Bevölkerungskreisen zugänglichen Sendetermin erfolgt“. Dies sei bei der gegenwärtig vorliegenden Ausgestaltung des Spielplans“ aber nur bei einem Sendeplatz vor 20 Uhr der Fall“.
Ein heißes Herz für Kinder
Auch wenn Heitzer sofort und nachdrücklich“ hinzufügte, dass für seine so präzis definierte zusammenfassende Glanzpunkt-Berichterstattung sowohl öffentlich-rechtliche als auch private Fernsehsender in Betracht kommen“, waren es vor allem die sofortigen Stellungnahmen von öffentlich-rechtlichen ARD-Gewaltigen, die ihre Zufriedenheit nicht verhehlen wollten. Monika Piel also, die Intendantin des WDR, der auch die samstägliche Sportschau“ produziert, sprach von einem Glückstag für die Fußballfans“ und freute sich insbesondere für die Fans mit dem heißen Herzen“, also die Kinder und Jugendlichen, denen, wie von der Deutschen Fußball Liga (DFL) eigentlich geplant, Bundesligaberichte erst von 22 Uhr an nun nicht zugemutet werden dürfen.
Der gegenwärtige ARD-Vorsitzende Fritz Raff hatte zwar ein etwas weniger heißes Herz für Kinder, sah aber die bisherige Programmpolitik“ des Ersten bestätigt und resümierte, obwohl nur im Präsens und im Präteritum redend, gleichwohl mit leuchtendem Blick ins Futurum hinein: Die Sportschau war und ist der angemessene Ort, das Kulturgut Fußball einem breiten Publikum zugänglich zu machen.“ Was war“ und was ist“ – warum soll es nicht für immer so bleiben?
Hehre Werte
Glanzpunkt, Kinderherzen, Kulturgut: unser Spitzenfußball erzeugt offenbar so hehre Werte und so tiefe Gefühle wie kaum ein anderes gesellschaftliches Geschehen, weshalb ihm nun auch von den öffentlichen Hütern unserer Wettbewerbs- und Fernsehfreiheit feierliche Rhetorik und volkstümlicher Schutz zuteil werden. Bernhard Heitzer gab sich jedoch ausdrücklich auch als Fußballexperte zu erkennen. Dass er sich so manifest gegen die Eliminierung der zeitnahen Free-TV-Konkurrenz“ durch die Abo- und Bezahlsender wandte, begründete er also mit seiner Analyse des englischen Fußballs und dessen Fernsehvermarktung.
In England, wo die frei zugängliche Zusammenfassung der Premier League erst am Samstag um 22.20 Uhr beginne, so Heitzer, müssten die Fernsehzuschauer für Live-Spiele an die beiden exklusiven Pay-TV-Anbieter“ monatlich bis zu achtzig Euro auf den Tisch legen – und dies für weniger als die Hälfte des Angebots“, die gegenwärtig den Kunden des deutschen Bezahlsenders Premiere gewährt werde. Noch: Denn gäbe es das Kartellamt nicht, ließ Heitzer durchblicken, wären die englischen auch bald die deutschen Verhältnisse und, eine Randbemerkung“, zudem werde dann, man sehe es ja auf der Insel, auch noch die Nationalmannschaft schlecht.
Vieles bleibt beim Alten
Jenseits aller Rhetorik: Wie ist die Lage nach dem Spruch des Kartellamts? Zunächst: Die Zentralvermarktung der Fernsehware Fußball durch die DFL bleibt unter Auflagen erlaubt. Weiter: Der im Augenblick größte Verlierer ist Leo Kirchs Firma Sirius, die der DFL von 2009 an pro Spielzeit fünfhundert Millionen Euro zusicherte und sie durch weitgehende Pay-TV-Vermarktung refinanzieren wollte – der Vertrag zwischen DFL und Kirch dürfte Makulatur sein. Noch weiter: Die DFL, die sich offiziell erst im Lauf des heutigen Tages äußern will, muss eine neue Ausschreibung der Rechte auf den Weg bringen, die dem Geist und dem Buchstaben des Kartellspruchs gemäß ist. Die Alternative wäre ein komplizierter Rechts- und Klageweg mit nur sehr vagen Siegchancen.
Schließlich: Die Proficlubs der ersten und zweiten Liga müssen sich wohl damit abfinden, dass sich ihre Einnahmen aus dem Fernsehgeschäft nur mäßig erhöhen werden, wenn überhaupt. Schließlich auch: Der Bezahlsender Premiere, der seit siebzehn Jahren Live-Spiele der Bundesliga überträgt, kann die weitere Entwicklung in durchaus größerer Ruhe abwarten – mit Sirius wird er nicht nur einen Konkurrenten los, der ihm viel Geld abknöpfen und ihm überdies ein in Eigenregie hergestelltes Programm aufdrücken wollte. Nach dem gestrigen Spruch des Kartellamtes spricht vieles für einen Status quo mit vergleichweise harmlosen Variationen – und mit dem Status quo kann Premiere leben. Für das ZDF, das mit dem Sportstudio“ samstags ohnehin nie vor 22 Uhr auf Sendung geht, wird sich kaum etwas ändern. Und die ARD wird sich mit einem oder mehreren Privatsendern, also wohl mit RTL und Sat.1, in einen Bieterkampf um die gebündelte Highlight-Berichterstattung“ begeben, der so risikoreich nun auch nicht mehr ist.
Neue Volksformel
Und zuletzt? Zuletzt bleibt für die Fans, für jene mit dem heißen Herzen ebenso wie für jene mit dem kühlen Verstand, nur die Frage, wie dehnbar Heitzers neue Volksformel ist. 19.55 Uhr ist auch vor 20 Uhr – reichen fünfminütige Highlights dem Kartellchef schon oder sollen es doch wieder jene neunzig Minuten sein, die jetzt, unterbrochen freilich durch viele und lange Werbepausen im Ersten, den Samstagsspielen vorbehalten sind? Noch ist es zu früh für die Behauptung, das Zuletzt“ sei auch ein Zu-guter-Letzt. Und keineswegs sicher ist, ob Deutschlands Vereinsfußball trotz des Status quo in Sachen Fernsehvermarktung (und jenseits von Bayern München) alsbald wieder Anschluss an die europäische Spitze finden wird.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
