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Branchen (136): Medizintechnik

Die Blicke richten sich nach Asien

Von Rüdiger Köhn

25. März 2008 Das Bild der Vereinigten Staaten als Musterland für die Medizintechnik ist matt geworden. Einsparungen im Gesundheitswesen machen die Runde. Mit zeitlicher Verzögerung haben sich die Kürzungen im Gesundheitsbudget bei den Unternehmen niedergeschlagen. Geringere Untersuchungs- sowie Behandlungszahlen bewirken weniger Bestellungen für Therapie-, vor allem aber für Diagnosegeräte, zu denen Röntgengeräte oder Kernspintomographen und die Labordiagnostik gehören.

Die Folgen der nachlassenden Dynamik auf dem größten Medizintechnikmarkt ziehen Kreise. Die Unternehmen - auch die deutscher Provenienz - blicken verstärkt auf das große Potential in Asien. Mehr noch: Die restriktive Budgetpolitik kann auch Folgen für den seit Jahren andauernden Konsolidierungsprozess haben. Sind die Zeiten der Mondpreise für Akquisitionen vorbei, da Medizintechnik nicht per se lukrativ ist?

Schwierige Umstände auf dem europäischen Markt

General Electric meldet für den Heimatmarkt schwierige Umstände und bestenfalls stagnierende Ergebnisse. Die niederländische Philips hat von Mitte vergangenen Jahres an das abgeschwächte Wachstum in Nordamerika zu spüren bekommen; so auch die deutsche Drägerwerk, die ihre Gewinnerwartungen zurückschrauben musste. Ebenso machte der Siemens-Konzern Abstriche vom einst erhofften starken Wachstum.

Die veränderte Situation auf der anderen Seite des Atlantiks führte im vergangenen Jahr zu der ungewöhnlichen Konstellation, dass die deutschen Hersteller nach Angaben des Branchenverbandes Spectaris im Inlandsgeschäft mit plus 8 Prozent höhere Zuwachsraten verzeichneten als das - allerdings deutlich größere - Auslandsgeschäft mit 7 Prozent nach zuletzt 11 Prozent. „Es gab im Inland einen Nachholbedarf an Anschaffungen, was ein einmaliger Effekt ist“, sagt Tobias Weiler, im Spectaris-Branchenverband zuständig für die Medizintechnik. „Aber die überdurchschnittliche Entwicklung hierzulande hängt auch mit den Kürzungen im Gesundheitswesen in den Vereinigten Staaten zusammen.“ In diesem Jahr rechnet Weiler wieder mit einem Zuwachs im Export von etwa 7 Prozent, während das Inland nur noch ein Plus von 3 bis 4 Prozent aufweisen dürfte.

Gewichte verschieben sich

Und für Amerika gibt Weiler keine Entwarnung. Nach den Wahlen im November und einem möglichen demokratischen Präsidenten Barack Obama oder einer demokratischen Präsidentin Hillary Clinton könnte es eine stärkere Regulierung mit Festbeträgen geben, erwartet der Spectaris-Experte. Kurzfristig werde sich an der Ausrichtung vieler deutscher Unternehmen nach Nordamerika jedoch nichts ändern. „Aber langfristig werden sie sich stärker in Richtung Asien orientieren, wo es ganz andere Wachstumspotentiale gibt“, sagt er. „Der Schwerpunkt verlagert sich, Asien wird attraktiver.“

Weiler steht mit dieser Ansicht nicht allein da. Dass sich die Gewichte verschieben, erwartet auch Christoph Partisch, Branchenanalyst der Dresdner Bank: „Die Bedeutung der Vereinigten Staaten nimmt ab, die Asiens mit China und Indien wegen des gewaltigen Nachholbedarfs zu.“ Durch die Kürzungen in Amerika ist der Mythos der Goldgräberstimmung verlorengegangen. „Medizintechnik ist dort drüben doch keine Lizenz zum Gelddrucken.“ Das wird auch Folgen haben für weitere Übernahmen, für die bislang horrende Preise gezahlt worden sind. „Die Vorsicht zu akquirieren wird größer“, sagt er.

Horrende Preise

Das war 2007 noch nicht der Fall. Da sind Unternehmen vor allem in der Labordiagnostik, der attraktives Potential nachgesagt wird, wieder auf Einkaufstour gegangen - und haben kräftig gezahlt. Siemens übernahm für 7 Milliarden Dollar den amerikanischen Diagnosegerätehersteller Dade Behring, der 1,7 Milliarden Dollar Umsatz erzielt. Erst ein Jahr zuvor haben die Münchener für 4,2 Milliarden Euro die Labordiagnostik des Bayer-Konzerns und für 1,9 Milliarden Dollar die amerikanische Diagnostic Products Corporation (DPC) gekauft.

Der schweizerische Pharmakonzern Roche erwarb für 3,4 Milliarden Dollar das Diagnostikunternehmen Ventana, das immerhin 3,5 Milliarden Dollar Umsatz macht. Noch kurz vor Jahresschluss 2007 schaltete sich Philips ein: Mit der Bekanntgabe des Kaufs eines weithin unbekannten Informationstechnik-Dienstleiters namens Visicu für 430 Millionen Dollar Mitte Dezember haben sich die Niederländer nur warm gelaufen; ein paar Tage später wurde der Kauf der amerikanischen Respironics für 5,1 Milliarden Dollar bekannt. Der Hersteller unter anderem von Beatmungsgeräten und Gesundheitslösungen für Patienten zu Hause bringt 1,2 Milliarden Dollar Umsatz mit. „Wir haben eindeutig Übertreibungen gehabt“, kommentiert Branchenexperte Partisch die zum Teil „horrenden Preise“.

Aufbau einer Wertschöpfungskette

Doch war die von ihm angesprochene Vorsicht schon zu erkennen: General Electric (GE) hatte im Juli die Notbremse gezogen und die Monate zuvor angekündigte 8,1 Milliarden Dollar teure Übernahme von Abbott Diagnostics platzen lassen. GE wurde scharf für den hohen Kaufpreis kritisiert. Eine klare Begründung für den Abbruch der Vertragsverhandlungen hat es nicht gegeben. Doch die Risiken erschienen GE zu groß. Konsolidierungen wird es auch weiterhin geben. Die Frage ist nur, auf welchem Preisniveau.

Die von großen Konzernen für bislang teure Akquisitionen genannten Gründe haben indes für Analyst Partisch wenig Überzeugungskraft. Demnach soll eine umfassende Wertschöpfungskette aufgebaut werden. Ob GE, Siemens oder Philips - sie alle streben das Angebot von der Vorbeugung über die Diagnose (Labortechnik oder bildgebende Verfahren wie Röntgen), die Therapie bis hin zur Nachversorgung zu Hause und zu der Altenpflege an. „Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel“, sagt Partisch.

Dazu sei der Markt zu innovativ, dass die Großen die komplette Kette abbilden könnten. Verfahrenstechniken änderten sich ständig. In der Miniaturisierung und in der Molekularisierung, in der Nanotechnologie mit in Körper verpflanzbaren Diagnose-Minichips und in der Informationstechnik tue sich sehr viel sehr schnell. Die Hälfte der weltweit angebotenen Produkte sind jünger als drei Jahre.

Hohe Innovationsrate

Eine derartige Innovationsrate sucht ihresgleichen. Da haben auch kleine innovative und aus der Universitätsforschung ausgegründete Unternehmen Chancen. Die großen Konzerne haben ihre Stärken in den kapitalintensiven Entwicklungen und können durch Zukäufe vor allem Mengeneffekte erzielen. Fazit des Branchenexperten: „Es wird eine Drift an die beiden Pole geben.“ Der Raum für die Mittelgroßen wird enger, wie die Beispiele Dade Behring, Visicu, Ventana, Respronics oder DPC zeigen.

Die Akquisitionen belegen aber auch, wie attraktiv der gesamte Markt mit Wachstumsraten von 8 bis 10 Prozent im Jahr ist, und das über einen längeren Zeitraum. Die hohen Zuwächse resultieren aus der immer älter werdenden Bevölkerung und dem damit verbundenen wachsenden Bedarf an Behandlungen und gesundheitlicher Versorgung. Sie resultieren aber auch aus dem gewaltigen Bedarf an gesundheitlicher Versorgung in den Schwellenländern.

Und es lässt sich viel Geld verdienen. „Die operative Umsatzrendite ist weit überdurchschnittlich“, hat Partisch ermittelt. Im Jahr 2005 lag sie bei 12 Prozent. „Sie dürfte seitdem noch einmal leicht gestiegen sein und wird es auch noch weiter tun.“ Damit bleibt der Optimismus insgesamt erhalten - auch dank der Phantasie in Asien. Daran können das trübe Bild in Amerika und die verkrusteten Strukturen in Westeuropa wenig ändern.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

 
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