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Necla Kelek

Die unbeugsame Braut

Von Judith Lembke



Der Mutter hat die Nase nicht gepasst: Necla Kelek
11. Februar 2008 
Glaubt man der Mutter, hat Necla Kelek ihre Karriere ohnehin nur der Nase zu verdanken. „Wenn du hübscher gewesen wärst, hättest du nicht studiert, sondern wärst wie deine Schwester verheiratet“, sagt die Mutter auch heute noch, wenn sie wütend auf ihre Tochter ist. Kelek selbst sieht das anders – weniger aus Eitel- als aus Dankbarkeit. „Ich durfte nur studieren, weil die Jugendsekretärin der IG Metall meine Mutter überreden konnte“, sagt sie. Die Gewerkschafterin habe immer wieder bei ihrer Mutter angeklopft und sie mit Beharrlichkeit und guten Argumenten davon überzeugt, dass ihre Tochter auch nach dem Studium noch heiraten könne. Zwei Gründe gaben schließlich den Ausschlag, dass die Mutter ihre Tochter zum Studium nach Hamburg ziehen ließ, während alle ihre türkischen Freundinnen aus dem kleinen niedersächsischen Ort als Bräute in die Heimat zurückkehrten: die Hoffnung, dass eine Hochschulbildung das Manko „Nase“ auf dem Heiratsmarkt aufwiegen werde und dass die Familie für das Studium keinen Pfennig bezahlen musste. Die Finanzierung übernahm die gewerkschaftsnahe „Hans-Böckler-Stiftung“, die Kelek auch noch durch Zweitstudium und Promotion unterstützte.

Wenn Kelek in ihrem Arbeitszimmer mit Blick auf den Volkspark Friedrichshain sitzt und mit norddeutschem Tonfall über ihre Emanzipation vom Leben spricht, das ihre Eltern für sie vorgesehen hatten, lassen sich die Kämpfe von damals nur schwer erahnen. Die Publizistin ist schwarz gekleidet, hat lange dunkle Haare, und die roten Schuhe sowie eine Perlenkette sind die einzigen Farbtupfer in ihrer Erscheinung. Über ihre Familie spricht sie sehr liebevoll, nur wenn das Gespräch auf ihren Vater kommt, verhärten sich die Züge. Die Kluft, die er geschlagen hat, als er mit einem Beil auf seine Tochter losging, um ihren Freiheitsdrang zu brechen, ist so tief, dass sie auch seinen Tod vor einigen Jahren überdauert hat.

Die Zwangsehe verhindert Integration

Als Kind kam sie mit ihrer Familie aus Istanbul nach Deutschland

Das Zimmer, in dem Kelek gerade an einem Buch über die Türkei schreibt, spiegelt ihr Leben. Orientalische Teppiche liegen unter deutschen Antiquitäten, auf dem Boden stapelt sich türkische, deutsche und englische Literatur. 1957 wurde Kelek in der Türkei geboren, mit 10 Jahre kam sie nach Deutschland, wo ihr Vater Arbeit gefunden hatte. Wer ihr Buch „Die fremde Braut“ gelesen hat, glaubt, in Keleks Arbeitszimmer alte Bekannte zu treffen. „Das ist meine Schwester, die Verkaufte“, sagt Kelek und zeigt auf ein Foto, das sie mit ihren drei Geschwistern zeigt.

Als „Die fremde Braut“ 2005 erschien, sorgte es für hitzige Diskussionen. Kelek beschreibt in dem Buch, das mittlerweile mehr als 200.000 Mal verkauft wurde, unter anderem das Schicksal ihrer Schwester. Sie wurde an einen Mann verschachert, den sie weder liebte noch kannte – eine Biographie, die sie mit vielen anderen türkischen Frauen teilt. Diesen Frauen eine Stimme zu geben, hat sich Kelek zur Aufgabe gemacht. Sie weist auf die Praxis der Zwangsehe hin, die auch bei vielen türkischen Migranten in Deutschland noch immer Alltag ist. Sie verhindere die Integration, da mit den jungen Frauen aus Anatolien auch die Traditionen der Heimat immer wieder aufs Neue importiert und eine patriarchale Gesellschaftsstruktur zementiert würden, glaubt Kelek. Die Wissenschaftlerin verlangt von Migranten eine aktivere Rolle bei der Integration und fordert von ihnen ein Bekenntnis zu Verfassung und Werten des Landes, in dem sie leben.

Veranstaltung mit Polizeischutz

Alice Schwarzer ist sie freundschaftlich verbunden

Seitdem sich Kelek vor drei Jahren mit ihren pointierten Ansichten in die öffentliche Debatte eingeschaltet hat, polarisiert sie. Während die einen sie für ihr Engagement und den Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, bewundern, gilt sie ihren Gegnern als Nestbeschmutzerin. Aus Einzelphänomenen leite sie unrechtmäßige Schlüsse ab, diffamiere den Islam und befördere fremdenfeindliche Ressentiments, werfen ihr Kritiker vor. Wenn sie Lesungen hält, finden nicht selten Demonstrationen vor der Tür statt, während einer Veranstaltung in Heidelberg wurde Polizeischutz notwendig.

„Ich wusste vorher, dass die Machos und die türkischen sowie islamischen Verbandsfunktionäre mich nicht lieben werden“, sagt sie und zuckt die Schultern. Solange es jedoch genug Menschen gebe, die ihr zuhörten, mache sie weiter, sagt sie und klingt fast ein bisschen trotzig. In den vergangenen Jahren hat sie zu viel kämpfen müssen, um sich jetzt so einfach geschlagen zu geben. Ihre Forschungsergebnisse galten schon während ihres Soziologiestudiums an der Universität Hamburg vielen als unbequem. Als sie feststellte, einige türkische Jugendliche aus Hamburg-Wilhelmsburg wiesen mit ihren deutschfeindlichen Äußerungen ähnliche Charakteristika wie Neonazis auf, sagte ein Professor, wenn sie das wiederhole, könne sie ihre Promotion vergessen.

Mit 34 zum ersten Mal allein in der Kneipe

Kelek nimmt als ständiges Mitglied an der Islam-Konferenz teil

Ihre Unbeugsamkeit und ihr unbedingter Freiheitswille ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Biografie. „Der Kern für meinen Freiheitsdrang wurde in der Türkei gelegt“, sagt sie. Anfang der sechziger Jahre erlebte sie in Istanbul den Aufbruch in ein bürgerliches Zeitalter. Diese Stimmung erfasste auch ihre Eltern, die aus Anatolien stammen: „Wir gingen viel ins Konzert oder ins Kino, und meine Mutter frisierte sich wie ein amerikanischer Filmstar. Das war wunderbar“, sagt Kelek. Doch das Leben nach westlichem Vorbild fand ein Ende, als die Familie im Westen ankam. Auf einmal verbot der Vater der pubertierenden Tochter den Kontakt mit ihren deutschen Freundinnen und die Teilnahme am Sportunterricht. Kelek rebellierte – zunächst innerlich. Das Mädchen emigrierte in die Welt der Bücher, verschlang Romane von Steinbeck und Tolstoi und fand Trost bei Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“. Ein Aha-Erlebnis hatte Kelek, als sie zum ersten Mal Simone de Beauvoir las. „Ich dachte, dass diese Frau mich und meine Gefühle kennen muss“, sagt Kelek, die sich selbst als Feministin bezeichnet und eng mit Alice Schwarzer befreundet ist. Die Loslösung von ihrer Familie und den kulturellen Wurzeln sollte jedoch noch einige Jahre dauern. „So richtig frei war ich erst mit 34. Da habe ich mich zum ersten Mal getraut, alleine in einer Kneipe zu stehen und in aller Öffentlichkeit zu trinken und zu rauchen, ohne mich darum zu kümmern, was die anderen Türken über mich denken“, sagt sie.

Kurz nach der Wende ging Kelek nach Greifswald, wo sie in der Erwachsenenbildung und als Lehrbeauftragte an der Uni arbeitete. Während sie zum Thema „Islam und Alltag“ promovierte, begann sie sich verstärkt mit der Rolle der Frau in der muslimischen Gesellschaft zu beschäftigen. Davor hatte sie sich einige Jahre bewusst von ihrer Herkunft abgegrenzt. „Ich musste mich irgendwann distanzieren. Wenn man sich nur mit abhängigen Frauen beschäftigt, wird man sehr schnell ein Teil dieses Opferseins“, sagt sie. Nach Beendigung ihrer Promotion fiel Kelek in ein Loch. Ihr Stipendium war ausgelaufen, sie hatte ein kleines Kind zu versorgen, und eine Stelle gab es für die unangepasste Wissenschaftlerin nicht. „Ich hatte richtige Existenzängste“, sagt Kelek. Sie versetzte einen Teil ihrer Habe und finanzierte damit unter anderem ihre Forschungen über das Leben in der türkischen Parallelgesellschaft. Die Interviews, die sie in dieser Zeit führte, bilden eine Grundlage ihrer Bücher „Die fremde Braut“ und ihrer zweiten Veröffentlichung „Die verlorenen Söhne“. Nach einem halben Jahr war die Talsohle durchschritten. Kelek bekam einen Job, der sie ernährte, und einen Lehrauftrag, der sie ausfüllte. „Dozieren ist meine Berufung“, sagt sie und klatscht in die Hände.

Ein Erfolg: Die Mutter macht den Führerschein

Die Stadt München verlieh ihr 2005 den Geschwister-Scholl-Preis

Sie verweist auf diese schwierige Lebensphase, wenn sie verneint, eine Karrierefrau zu sein. „Meine Themen waren zu abseitig, um an der Uni Karriere zu machen.“ Auf die Frage, warum sie trotzdem am Ball blieb und keine opportuneren Fragen stellte, reagiert sie verwundert. „Weil es unmenschlich ist, was passiert“, bricht es aus ihr hervor. Immer wieder rufen Sozialarbeiter und junge Frauen bei ihr an, die nicht wissen, wie sie sich gegen eine Zwangsverheiratung wehren können. Kelek belässt es nicht bei der Beratung, sondern wird auch selbst aktiv. Gerade ist sie aus der Türkei zurückgekehrt, wo sie half, eine junge Deutschtürkin zu befreien, die gegen ihren Willen von der Familie festgehalten wurde. Dass man sie als Dissidentin bezeichnet, mag sie nicht verstehen. „Ich fordere doch nur das Recht der Frauen auf ein selbstbestimmtes Leben“, sagt sie.

Trotz aller Widerstände ist sie optimistisch, dass sich immer mehr Frauen trauen werden, ihre individuelle Freiheit einzufordern. Ein positives Beispiel erlebte sie in der eigenen Familie. Mit 52 Jahren machte ihre Mutter, die ihren Mann auch nach vielen Ehejahren nur mit „Mein Herr“ ansprach, den Führerschein. Ohne jemanden vorher um Erlaubnis zu fragen.

Zur Person:

- Necla Kelek wurde 1957 in Istanbul geboren. Mitte der sechziger Jahre wanderte die Familie nach Deutschland aus.

- In Hamburg studierte Kelek Volkswirtschaftslehre und Soziologie. Sie promovierte über das Thema „Islam im Alltag“.

- 2005 erschien ihr Buch „Die fremde Braut“, das die Praxis der Zwangsehe in der türkischen Gesellschaft beschreibt. Im selben Jahr erhielt sie den Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München.

- Kelek lebt mit ihrem Sohn und ihrem Lebenspartner in Berlin. Sie ist Teilnehmerin der Deutschen Islamkonferenz.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andreas Pein, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, picture-alliance/ ZB
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [2]
Danke, Frau Kelek! 15.02.2008, 16:26
...die unbeugsame Dogmatikerin 11.02.2008, 13:28
 
   
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