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Jobs der Woche

Gabriele Strehle

Und ob sie das schafft

Von Alfons Kaiser



Modemacherin mit internationalem Auftritt: Gabriele Strehle
20. November 2006 
Erst neulich hat sie mit ihrer Tochter Clara über Mode diskutiert. Was sie von den heute wieder allgegenwärtigen Leggings halte, fragte Gabriele Strehle die Sechzehnjährige, die als Kind der Einfachheit halber öfters Catsuits und Leggings getragen hatte. Und Clara, die ein Internat in der Schweiz besucht und zur Freude ihrer Mutter eine kreative Ader hat, zeigte Sicherheit im Urteil und eine erstaunliche Reife: "Das ist keine Mode mehr für mich!" Mit sechzehn Jahren den Trend kennen und ihn aus persönlichem Empfinden ablehnen - dazu muß man vielleicht als Tochter einer solchen Modemacherin auf die Welt gekommen sein.

Denn auch Gabriele Strehle verschreibt sich vollkommen der Mode - und hält dennoch Abstand zu manchem schnellen Trend. Die Modemacherin versucht statt dessen, mit ihren Entwürfen ihrem eigenen Geschmack zu entsprechen. Ihre Karriere verdankt sich der Arbeit daran, klassischen Formen moderne Silhouetten zu geben. Weibliche Entwürfe wertet sie mit Elementen der Herrenmode so um und auf, daß man deutsche Tradition und internationalen Anspruch darin erkennt. Und weil sie in ihrer Ehe mit Gerd Strehle und dem Unternehmen Strenesse die Voraussetzungen für diese Arbeit gefunden hat, steht sie weiter auf der großen Modebühne - anders als Helmut Lang, der sein Unternehmen verkauft hat und jetzt als Künstler auf Long Island privatisiert, anders als Jil Sander, die ihr Unternehmen ebenfalls verkauft und sich fast vollkommen zurückgezogen hat.

Leise in einer Branche der Lautsprecher

Ihre Linie Strenesse steht für klassische Formen mit modernen Silhouetten

Nicht einmal sie selbst traut sich das alles zu. Strehles Autobiographie trägt den Titel: "Ob ich das schaffe" - ohne Fragezeichen. In einer Branche der Lautsprecher tritt sie überraschend leise auf. Nach den Schauen in Mailand und New York, wo sie bis zur letzten Saison ihre Entwürfe auf dem Laufsteg präsentierte, war sie nach drei Sekunden wieder vom Laufsteg verschwunden - andere lassen sich minutenlang feiern. Und wenn die Moderedakteurinnen und Einkäufer sie hinter der Bühne in die Arme schließen, droht sie erdrückt zu werden. Gabriele Strehle, eine zierliche und schüchterne Person, die erst richtig gelöst wirkt, wenn sie am Wochenende in ihrem stilecht modernisierten Haus am Tegernsee mit Freunden am langen Holztisch sitzt, ist keine Frau des großen öffentlichen Auftritts. Wie hat sie es trotzdem geschafft?

"Man muß an das, was man tut, glauben", sagt sie. Dabei war der Zweifel ihr ständiger Begleiter. Gabriele Hecke, Tochter eines Molkereimeisters aus Hawangen im Allgäu, war ein kleines, dünnes, blasses und schüchternes Kind, "ein Verreckerl", wie sie selbst sagt. Einer Tante half sie schon mit fünf Jahren, Hüte in Heimarbeit herzustellen. Im Bosseln und Basteln war sie ganz bei sich. Von den Eltern erwarb sie den Sinn für Qualität: handgestrickte Mützen, hölzerne Fußböden, emailliertes Kochgeschirr, solides Allgäu. Der Vater, der nach dem Sonntagsausflug pünktlich um 17 Uhr wieder in der Molkerei stand und jeden Morgen um vier die Zentrifuge brummen ließ, beeindruckte sie mit Fleiß, die Mutter, die vom Metzger nur blütenweiße Kutteln duldete, mit Strenge. Überhaupt gab ihr die Vertrautheit des ländlichen Milieus Sicherheit fürs spätere Leben. Weil die Provinz über allen Moden steht, half sie ihr - so paradox es klingt - in der Mode weiter.

Sie haderte und heulte vor Heimweh

Mit Tochter Victoria während einer Show

Wobei die Mode mit Auftrennen, Bügeln, Putzen und Aufräumen begann: Gabriele Hecke, frisch der Schule entflohen, machte eine Lehre in der Maßschneiderei eines tschechischen Ehepaars in Memmingen. "Davon profitiere ich noch heute", meint sie im Gespräch. "Denn in der Mode geht es, da sie auf den Boden zurückkommt, wieder stärker um das Handwerkliche." Die Kunst dieses Handwerks lernte sie in München. Sie haderte und heulte vor lauter Heimweh, als sie frisch auf die Meisterschule für Mode ging. Aber das Mädchen vom Land bestand in der Landeshauptstadt, trank, um wenigstens den Geschmack von Heimat zu spüren, täglich literweise Milch - und lernte in der Spät-Achtundsechziger-Zeit in München und bei Ausflügen nach Paris die große Mode kennen.

Wie sie das alles schaffte? Zum Beispiel hörte sie nicht auf Großsprecher. Ihre erste Arbeitsstelle, die sie noch heute innehat, suchte sie sich nicht nach der Coolness aus, sondern nach den Möglichkeiten, die sich ihr boten. Die Kommilitonen lächelten, als sie nach Nördlingen fuhr, in die Provinz, um sich im selbstgeschneiderten apfelgrünen Leinenkostüm bei der Strehle KG vorzustellen. 1949 war die Firma gegründet worden. Nun, 1973, wollte man eine einheitliche Linie in die Mäntel und Kostüme bringen, die der Juniorchef Gerd Strehle schon forsch unter den Namen "Strenesse" gestellt hatte: Er wollte dem Namen Strehle eben Jeunesse einhauchen.

Hartnäckig gegen verkaufsfördernde Spießigkeit

Gerd und Gabriele Strehle

Und sie tat es. Die junge Designerin, die sich hartnäckig gegen verkaufsfördernde Spießigkeit wehrte, setzte sich mit dem Chef jahre- und jahrzehntelang auseinander - und heiratete ihn schließlich. Gemeinsam schufen sie eine der wenigen deutschen Modemarken mit internationaler Ausstrahlung: Sie kümmert sich ums Design, er ums Geschäft, sie um die Stoffe, er um die Zahlen, sie um die Innenarbeit, er um die Außendarstellung. Durch nichts ließ sie sich bremsen. Kurz nach Claras Geburt war sie schon wieder auf der Stoffmesse zu sehen. "Das Kind hat mich auch modisch reicher gemacht", sagt sie, "weil ich gelassener wurde."

Als zweite Deutsche nach und neben Jil Sander zeigte sie ihre Kollektionen seit 1996 auf dem Laufsteg in Mailand. Um besser an die internationalen Einkäufer und auf den amerikanischen Markt zu gelangen, ging sie 2005 für zwei Saisons nach New York. Die Zuschauer rieben sich verwundert die Augen: Denn die Frau, die viele mit Hosenanzügen im unaufdringlich-eleganten Business-Stil identifizierten, zeigte sich plötzlich mit großstädtischer Grandezza, beschwingten Cocktailkleidern, flamboyanten Blumendrucken.

Mit Fußballer Peer Mertesacker

Fast hätte man dabei die Krise übersehen können. Ihre Stärken mußte Gabriele Strehle in den letzten Jahren vor allem in Zeiten der Schwäche zeigen. Der vorübergehend inthronisierte Vorstandsvorsitzende Peter Kappler ging vergangenes Jahr im Streit, und Gerd Strehle übernahm wieder den Chefposten. Die Umsätze sanken bis auf 81 Millionen Euro. Ein privater Finanzinvestor mußte in die Firma einsteigen. Nun ist die Finanzierung für die nächsten Jahre gesichert. Die Umsätze steigen wieder. "Wir erreichen schwarze Zahlen über Strukturveränderungen", sagt Gerd Strehle. Er macht seine Firma schlanker, beweglicher, schneller. Mit den Erfolgen der Neunziger, so gesteht er ein, hatte man auch an Disziplin verloren.

Saison - das war mal

Der schnellere Rhythmus der Mode, unter anderem durch Ketten wie H&M vorgegeben, zwingt heute zu Sofortreaktionen. Von Saisons kann man angesichts all der Vor- und Zwischenkollektionen kaum noch reden. Die amerikanischen Nobelkaufhäuser geben zudem mit ihren genauen Verkaufsübersichten eine starke Kundenorientierung vor. Gabriele Strehle hat daraus gelernt: "Jetzt fokussiere ich mich noch stärker auf das Wesentliche." Das Design richtet sich - ähnlich wie in italienischen oder französischen Luxushäusern - stärker nach dem Bedarf. Die Kreativen müssen weit vorausschauen und paßgenau arbeiten. Bald beginnt in Nördlingen der Verkauf der Vor-Kollektion für Herbst und Winter 2007, gerade sechs Wochen nach den Schauen für Frühjahr und Sommer 2007. Und in all dem Gewusel in den Showrooms von Nördlingen, München und Mailand die Chefdesignerin - fast unsichtbar, aber immer da.

Sie kleidete die Nationalmannschaft für die WM ein

"Sie ist der Kopf", sagt Viktoria Strehle, die 28 Jahre alte Tochter Gerd Strehles aus erster Ehe, seit kurzem für Schuhe und Taschen zuständig. "Sie gibt die Richtung vor, die Accessoires stellen sich darauf ein." Von den Nebensachen verspricht man sich guten Zuwachs im Hauptgeschäft. "Die Nachfrage ist da", meint Viktoria Strehle, die den Einzelhandel bei Engelhorn in Mannheim, bei Harrods in London und bei Saks in New York kennenlernte, auch für die acht deutschen Geschäfte zuständig ist und daher nah am Kunden arbeitet. Neben den Accessoires wird auch die "Anlaß-Mode" ausgebaut. Wenn Schauspielerin Alexandra Maria Lara in einem Strenesse-Abendkleid die bunten Blätter ziert, kommen sofort die Anfragen. Cocktail, Abend, Hochzeit - Gabriele Strehle stellt sich auf viele Anlässe ein. Und überhaupt freut es sie, daß ihre Stieftochter so engagiert mitmacht. Aber prunken möchte sie damit ebensowenig wie mit den Prominenten. Fast jedem Modemacher würde es schwerfallen, nicht mit Glanz und Glamour und Familienwerten anzugeben. Aber sie schafft das. Auch das.

Text: F.A.Z., 18.11.2006, Nr. 269 / Seite C3
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
 
   
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