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Erhard Busek

Der Schlichter vom Balkan

Von Carola Kaps



Niemand liebt Europas Budgets und Fonds: Erhard Busek
07. Januar 2008 
Stolz, aber auch ein wenig sorgenvoll blickt Erhard Busek der Übergabe der Aufgaben des Stabilitätspaktes an den „Regional Cooperation Council“ (RCC) entgegen. Fünf Jahre lang war er als Sonderkoordinator für den westlichen Balkan zuständig, der vor nicht langer Zeit noch Kriegsgebiet gewesen ist. Nun ist die Region insoweit stabilisiert, dass die einstigen Gegner im ehemaligen Jugoslawien selbst die Verantwortung übernehmen können. Es mag einmalig sein, dass eine internationale Institution aus freien Stücken erklärt, ihre Aufgabe sei weitgehend erfüllt, sich damit selbst überflüssig macht und die Macht an die Parteien in der Region übergibt. Eine Garantie für den Erfolg dieses ungewöhnlichen Schrittes gibt es jedoch nicht. In der schwierigen Balkanregion, wo unter der Oberfläche immer noch Konflikte gären, kann ein Scheitern des RCC und seines neuen Generalsekretärs niemals völlig ausgeschlossen werden. „Wir sind alle sehr gespannt, ob es dem RCC gelingen wird, Profil zu entwickeln, alle wichtigen Partner in der Region einzuwerben und sie hinter sich zu bringen“, sagt Busek nachdenklich.

Deshalb will sich der leidenschaftliche Europäer auch weiterhin in der Region engagieren und seine Erfahrungen einbringen. Der Weg nach Europa sei noch weit, der Integrationsprozess mühsam und langwierig. Freilich ist der gebürtige Wiener peinlich darauf bedacht, seinen Nachfolger beim RCC, den Kroaten Hido Bišcevic, nicht in den Schatten zu stellen. Seine Fäden will er daher möglichst im Hintergrund ziehen und Bišcevic – wann immer gewünscht – als loyaler Partner zur Seite stehen.

Europas Kultur als Fundament

Vermittler zwischen ehemaligen Kriegsgegnern

Die österreichische Erste Stiftung, deren Vorsitz Busek gerade übernommen hat und die sich vorwiegend in Ost- und Südosteuropa engagiert, bietet ihm hierfür eine willkommene Plattform. Die Stiftung hat sich mit Europa, Gesundheit und Sozialsystemen sowie Kunst und Kultur überdies Förderbereiche ausgesucht, die Busek ein Anliegen sind. Fortan wird er durch eine Vielzahl von Austauschprogrammen gerade in den Köpfen junger, noch formbarer Menschen das für ihn so wichtige europäische Gedankengut aussäen können. Mehr noch: Der Schwerpunkt Sozialsysteme und Gesundheit setzt genau da an, wo in den meisten ost- und südeuropäischen Staaten die Not am größten ist. Nur durch deren grundlegende Rationalisierung könne die Akzeptanz der Transformation auf Dauer garantiert werden, glaubt Busek.

Mit nicht weniger Nachdruck fordert er die Einbeziehung von Kunst und Kultur in den europäischen Integrationsprozess. „Wenn wir Europa auf feste Fundamente stellen wollen, müssen wir wissen, wo und wie wir verankert sind, wir müssen unsere Werte kennen und über die Geschichte und Kultur Europas Bescheid wissen“, sagt der ehemalige österreichische Vizekanzler und Minister für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten.

Der Koordinator und die Machthaber des Balkans

In diesem Zusammenhang spricht Busek auch gerne von der Notwendigkeit, Europa eine Seele zu geben. Niemand könne ein Europa lieben und sich damit identifizieren, das nur aus Finanzrahmen, Budgets und Strukturfonds bestehe. Eins hat er während seiner vielen Vortragsreisen quer durch Europa gelernt: „Man muss predigen können, man muss die Leute mit rationalen Argumenten überzeugen, dann sind sie begeistert und machen mit!“ Auch hier geht es ihm vor allem um die Jugend, die er für die Sache Europas zu begeistern sucht, weil nur durch die europäische Integration trennende Grenzen und alte Konfliktgräben auf Dauer überwunden werden können.

Mit 18 Jahren wollte er Historiker werden

Busek selbst hat die Sehnsucht nach einem freien, vereinten Europa schon in jungen Jahren entwickelt. Das Baugeschäft der Familie, die ursprünglich aus dem hessischen Busek-Tal stammt, hatte seine Eltern, aber auch seine Tanten und Onkel bis in die östlichsten Ecken und Winkel der Habsburger k. u. k. Monarchie verschlagen. Dem jungen, 1941 in Wien geborenen Erhard erzählten sie Geschichten aus dieser Welt und weckten damit schon früh seine Neugier, aber auch die Lust an historischen Zusammenhängen und Entwicklungen. Noch mit 18 Jahren habe er Historiker werden wollen, erzählt Busek; wegen der besseren Karrieremöglichkeiten sei er dann aber doch lieber Jurist geworden.

Als Österreicher pflegt man Traditionen

Gleichwohl machte er sich schon als Student und Vorsitzender des österreichischen Jugendverbandes in die östlichen Nachbarländer auf und knüpfte überall Freundschaften, die vielfach bis heute gehalten haben. Sein Schlüsselerlebnis war der 21. August 1968, als russische Truppen in Prag einmarschierten und den Prager Frühling brutal beendeten. „Vergiss uns nicht“, haben ihm damals seine tschechischen Freunde auf die Frage geantwortet, was er für sie tun könne. „Ich habe mir diesen Satz zum System gemacht“, sagt Busek, der auch als nationaler Politiker immer über die Grenzen des eigenen Landes hinausgeschaut hat. Der Christdemokrat wurde nicht nur Mitglied der tschechischen Dissidentenbewegung „Charta 77“, er knüpfte auch überall im kommunistisch beherrschten Osten ein enges Netz von Beziehungen zu Bürgerbewegungen und oppositionellen Gruppen. Er selbst habe zwar nie daran geglaubt, den Fall der Mauer zu erleben, dies habe jedoch seinen Bemühungen, enge Kontakte zu knüpfen und die kulturell und historisch bedingten Gemeinsamkeiten zu pflegen und das europäische Erbe nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, keinen Abbruch getan.

Das neue Engagement gilt dem Donauraum

Als dann 1989 das Wunder geschah, sich die Grenzen öffneten und die meisten seiner Freunde jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs Regierungsverantwortung übernahmen, war Busek unter den westlichen Politikern sicherlich einer derjenigen, die den Osten, seine Menschen und deren Wünsche und Ambitionen am besten kannten. Als Sonderkoordinator für Südosteuropa hat er nicht nur von diesem Wissensfundus profitiert; dank des absoluten Vertrauens, das ihm im Osten entgegengebracht wird, gelang es ihm auch, Politiker an den Verhandlungstisch zu bringen, die sich sonst nie die Hand gereicht hätten.

Wandertag mit Alt-Kanzler Kohl

Mit bald 67 Jahren könnte Busek mit dem Erreichten zufrieden sein und sich der geliebten Kunst, der Musik und der Geschichte widmen. Die Leidenschaft für Europa, die er mit großer Erfahrung, tiefem Wissen und breiter Bildung paart, lässt ihn jedoch nicht ruhen. Nicht nur die Erste Stiftung hält den weißbärtigen Österreicher auf Trab. Als Vorsitzender des Instituts für den Donauraum und der Südosteuropäischen Koordinationsinitiative (SECI) will er die Donau zu seinen Lebzeiten noch in eine lebendige, vielgenutzte Transportader verwandeln, die den südosteuropäischen Anrainerstaaten zu Wohlstand und Arbeitsplätzen verhilft.

„Was man liebt, muss man kritisieren“

Nicht zuletzt sieht Busek auch in Europa selbst noch viele Baustellen, die er getreu dem Motto „Was man liebt, muss man kritisieren“ immer wieder anprangert und deren Fertigstellung er einfordert. Beim Stabilitätspakt hat er häufig schmerzlich feststellen müssen, dass die EU-Kommission weitgehend unfähig ist, die neue Nachbarschaftspolitik und die Erweiterungspolitik strategisch zu koordinieren. „Dem Integrationsprozess fehlt die integrierte europäische Sicht, die keine Kommission, kein Kommissar, sondern nur eine handlungsfähige europäische Regierung entwickeln kann“, klagt Busek.

Hohe Politik mit Hans-Dietrich Genscher und Benita Ferrero-Waldner

Seine Gedanken zu diesem Thema hat er gerade in einem kleinen Handbuch zum europäischen Krisenmanagement niedergeschrieben. Ob sein Plädoyer in den 27 Hauptstädten der EU auf offene Ohren treffen wird, sei dahingestellt. Für Busek ist wichtig, dass er einen Beitrag zum europäischen Diskurs geliefert hat, denn „Europa ist ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist, und gerade deswegen muss viel mehr diskutiert werden“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ASSOCIATED PRESS, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa
 
 
   
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