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Josef Penninger

Mit Mausphobie zum Genetiker

Von Michaela Seiser



"Ich habe mich zu Tode gefürchtet vor Mäusen"
10. März 2008 
Derzeit röcheln in Österreich mehr Leute als sonst. Es ist Hochzeit für Influenza. Ein Gutteil der Wiener leidet ohnedies ständig an Atemwegsinfekten wegen des permanenten Westwinds. Auch Josef Penninger kratzt es im Hals. Er entschuldigt sich dafür beim Händeschütteln, will niemanden anstecken mit Viren. Ausnahmsweise ist er dieses Jahr nicht gegen Grippe geimpft. Das ist ungewöhnlich für einen Immunologen. Zu viel Arbeit, zu viele Vorträge halten ihn davon ab. Dennoch wirkt Penninger nicht so, als wäre er überfordert.

Mit wirr zerzausten Haaren, in Gesundheitsschlappen und mit Pullover sehr salopp gekleidet, sieht er eher wie ein Abgeordneter der Grünen-Fraktion aus. Indes ist Penninger einer der führenden Köpfe Österreichs, einer, der als Unbekannter nach Kanada auszog und nach mehr als einem Jahrzehnt wieder in seine Heimat kam. Jetzt leitet er das Institut für Molekulare Biotechnologie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Das klingt nach Bilderbuchkarriere. Dieser Weg war aber alles andere als vorgezeichnet.

Aus einer Kleinhäuslerfamilie

Rebelliert gegen mich, rät Penninger den Kindern

Penninger kommt aus einer Kleinhäuslerfamilie, wie er selbst sagt. "Wir hatten ein paar Kühe, der Vater musste zusätzlich arbeiten." Er war der Erste in der Familie, der in das Gymnasium gehen durfte, wo er nur ein mittelmäßiger Schüler war. "Das höchste der Gefühle für meine Eltern war, dass ich das Abitur geschafft habe. Ich habe mein Leben immer zufällig geführt." Kein Lehrer hätte ihm eine Laufbahn als Wissenschaftler vorausgesagt, "ich selber wahrscheinlich auch nicht".

Penninger wollte Fußballer, Physiker oder Mathematiker werden, "das hat mich wirklich interessiert". Noch heute schwärmt er von seinem Lieblingsklub Arsenal London, dem er als Student wochenlang auf den Fersen war. Nach wie vor kickt er gerne. Regelmäßig gespielt wird in einer Runde, der auch der frühere österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel angehört. Dass er dennoch Medizin studiert hat, führt er auf eine kontemplative Phase in seiner Schulzeit zurück. Das Medizinstudium war für ihn vor allem interessant, weil er in seinem späteren Doktorvater Georg Wick einen guten Lehrer fand. Dieser habe Medizin anders vermittelt: "Wir haben Experimente gemacht, so dass wir verstanden haben, wie das Immunsystem funktioniert", erzählt er in einem nach wie vor oberösterreichisch gefärbten Deutsch.

Eines Tages wurde ein Student für eine Dissertation zum Thema "T-Zell-Entwicklung bei Hühnern" gesucht. "Ich war mir nicht bewusst, was das heißt, und habe mich gemeldet." Dies bezeichnet er als Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn. "Ich bin dann vier Jahre ins Labor marschiert, auch zu Weihnachten und Neujahr, weil es so viel Spaß gemacht hat." Nur kurze Zeit hat sich Penninger auf Hühner konzentriert. Es sei klar gewesen, wenn man in der Top-Liga spielen will, "muss man auf die Maus umsteigen". Das war für ihn als Mäusephobiker eine große Herausforderung. "Ich habe mich zu Tode gefürchtet vor Mäusen." Ein Jahr hat er in Kanada gebraucht, bis er sich in einen Tierstall reingetraut hat. "Man hat mich manchmal schreiend durch die Gänge laufen sehen, weil mir ein anderer Wissenschaftler mit einer Maus nachgelaufen ist. Dass ich Mausgenetiker wurde, war wahrscheinlich das Letzte, was ich mir im Leben hätte vorstellen können."

Der erste Kontakt mit Populationsgenetik

Seinen ersten Kontakt mit Populationsgenetik hatte er während des Zivildienstes. Er war der Innsbrucker Blutbank zugeteilt und musste mit den Krankenschwestern in verschiedene Bergdörfer fahren, um Blut abzunehmen. In dieser Phase ergab sich zufällig die Bekanntschaft eines Kanadiers, der ihn für einen Forschungsaufenthalt in Toronto begeisterte. Diese Zeit war für den jungen Österreicher aufregend. Im Cancer Institute wurden die ersten Stammzellen entdeckt und die ersten Knock-out-Mäuse entwickelt. Im Rahmen dieser Technik werden bestimmte Gene in Stammzellen abgeschaltet und dann die Wirkung auf einen Organismus untersucht.

Nach drei Jahren in Übersee wollte er 1993 zurück nach Wien und bewarb sich für eine Stelle. Damals haben sich die Österreicher für ihn nicht interessiert. Heute wird er hofiert als Stern am Wissenschaftsfirmament und dennoch von manchen kritisiert. Penninger selbst redet lieber über die Ablehnung Anfang der neunziger Jahre. Dies habe ihm letztlich gutgetan. "Zum einen ist es wichtig, dass man abgelehnt wird, damit man nicht zu hochnäsig wird." Zum anderen ergab sich dadurch eine andere Chance, weil damals die weltgrößte Biotech-Schmiede Amgen Forscher suchte. Dort bekam er seine erste Stelle und wurde mit 29 Jahren Professor am Ontario Cancer Institute, wo er nach wie vor lehrt.

Vor fünf Jahren nach Österreich berufen

Nach Österreich wurde er vor fünf Jahren berufen, als das Institut für Molekulare Biotechnologie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gegründet worden ist. In der Akademie ist er das jüngste Mitglied. Mit 140 Mitarbeitern ist es das größte Institut in dieser Gelehrtengesellschaft. Von einem solchen Institut können andere Wissenschaftler träumen, allein die Baukosten betrugen rund 70 Millionen Euro. Hier will Penninger die besten jungen Köpfe gruppieren. "Denen muss man die akademische und finanzielle Freiheit geben und auch die Freiheit, anders zu denken." Diesen unkonventionellen Zugang verfolgt er selbst, weshalb ihm ein Kenner den Spitznamen "Mozart" gegeben hat.

Zu Fragen der Anwendung der Genetik hat der Professor einen liberalen Zugang. Maßgeblich ist für ihn der Nutzen für die Menschheit. "Wenn wir Versuche machen und damit fünf Leuten helfen, werde ich das akzeptieren." Penninger tritt wegen der Forschungsmöglichkeiten für embryonale Stammzellenforschung ein. Dennoch will er sich vor einer moralischen Dimension der Frage nicht drücken. "Das stößt ja das ganze Weltbild um." Diese Idee, dass jeder eine Seele habe. Und plötzlich komme jemand daher und sage: "Im Grunde brauche ich nur ein Haar auszureißen und mache einen neuen Organismus draus." Aus der Kreationismus-

Debatte versucht sich der Mediziner rauszuhalten, das sei verschwendete Energie. "Wissenschaft wird es nie schaffen, als Ersatzreligion zu dienen. In unserem Leben gibt es noch anderes als reine Rationalität, das Bedürfnis nach Transzendenz. Beides hat in dieser Welt einen Platz", glaubt der eingefleischte Atheist. "Ich war in einem katholischen Internat, das hat mir meine Religion sehr früh ausgetrieben."

Umwelt oder Genetik, was hat mehr Einfluss?

Nicht einzuschätzen vermag er, ob für den Menschen die Genetik oder die Umwelt größere Bedeutung hat. "Natürlich sieht man anhand der Unterschiedlichkeit der eigenen Kinder, dass Genetik wichtig ist. Es ist jedoch Unsinn, wie die Amerikaner sagen, dass jemand ein ,Criminal Gene' hat." Hier sei schon die Umgebung maßgeblich. Das gelte auch für Erkrankungen. Selten gebe es Defekte, für die ein Gen verantwortlich sei. "Zumeist interagiert ein genetischer Bauplan und spielt Pingpong mit der Umwelt. Wenn ich oft Hamburger esse, dann werde ich bei entsprechender Disposition dick."

Seine von ihm mitgegründete Biotechgesellschaft Apeiron Biologics versucht eine Therapie auf Basis der Forschung von Amgen zu entwickeln, die Lungenversagen kontrolliert, wie es beispielsweise bei der Vogelgrippe ausgelöst wird. Als herausragende eigene Entwicklung bezeichnet er jedoch seine Erkenntnisse über Knochenerkrankungen, von denen Hunderte Millionen Menschen auf der Welt betroffen sind. "Wir haben das essentielle Gen bewiesen, das Knochenfresszellen kontrolliert." Ein entsprechendes Medikament werde derzeit klinisch getestet.

In zehn Jahren sieht er für sein Fachgebiet die Menschengenetik dominant. "Die genetische Forschung wird viel mehr in der Öffentlichkeit stehen und das Leben der Menschen beeinflussen." Wahrscheinlich sei es in vier bis fünf Jahren möglich, dass man das ganze Genom eines Menschen in zwei bis drei Wochen für 4000 bis 5000 Dollar sequenziert. "Dann können wir sagen, welche Gene verantwortlich sein können für eine bestimmte Krankheit." Sein persönlicher Ehrgeiz besteht darin, die Gene zu finden, die Brustkrebs hervorrufen. Das hat er seiner Schwägerin am Totenbett versprochen.

Zur Person

  • Josef Penninger wurde am 5. September 1964 im oberösterreichischen Gurten geboren.
  • In Innsbruck studierte er Medizin und wurde 1990 zum Doktor promoviert. 2002 ging er an das Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien.
  • Penninger wurde vielfach ausgezeichnet und gehört zu den Young Global Leaders des Weltwirtschaftsforums in Davos. Spezialgebiete sind die Krebsforschung, die Regulation von Knochenbildung und -abbau und der programmierte Zelltod.
  • Er ist mit einer chinesischen Ärztin verheiratet und hat drei Kinder.
Text: F.A.Z., 08.03.2008, Nr. 58 / Seite C3
Bildmaterial: F.A.Z.- Rainer Wohlfahrt
 
 
   
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