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Tragisch-komischer Held: Joachim Król

Joachim Król

Der angerufene Mann

Von Sven Astheimer



28. April 2008 Für Joachim Król gibt es zwei Sorten von Schauspielern: solche, die anrufen, und solche, die nicht anrufen. „Und ich bin kein Anrufer.“ Wäre er einer, dann hätte er noch viel mehr Filme machen können, glaubt er. Verflixt, da war er schon wieder, dieser Konjunktiv, dieses ewige „hätte“, das ihn nach eigenen Worten ankotzt. „Ein Fehler von mir“, sagt er entschuldigend. Aber ein bisschen habe er sich gebessert. Dann greife er auch mal zum Telefon und bemühe sich aktiv um eine Rolle. Manchmal zumindest. Aber die anderen, die Anrufer mit dem Riesen-Ego, die seien vor der Kamera dafür auch eingeschränkt. Die trügen ihr Ego in jede Rolle hinein, da ist er sich mit der Altersweisheit eines halben Jahrhunderts an Lebenserfahrung sicher.

Man mag kaum glauben, dass da einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler der vergangenen Jahre sitzt, der so hart mit sich ins Gericht geht; ein Darsteller, der seit den neunziger Jahren vor allem mit Rollen als tragisch-komischer Antiheld die Kritiker begeistert; der für sein Spiel alle bedeutenden Preise und Auszeichnungen erhalten hat, die dieses Land zu bieten hat. Dieser Mann sitzt in seinem Stuhl, hadert mit sich und seiner Umwelt und scheint so mit seinen Figuren zu verschmelzen. „Tja“, sagt Król und schaut während der anschließenden Pause auf den Boden, „so bin ich dann vielleicht eben.“ Und ein verschmitztes Lächeln huscht jetzt über sein Gesicht.

„Vadder“ wollte erst keinen Schauspieler

Dabei könnte der geneigte Beobachter auch zu dem Schluss kommen, dass Joachim Król während seiner Karriere vieles richtig und wenig falsch gemacht hat. Dass er seinen Überzeugungen in schweren Zeiten treu geblieben ist und sich später trotz lukrativer Verlockungen nicht hat in ein Schema pressen lassen. Dass Król eben Król geblieben ist.

Der Sohn eines Bergmannes wächst in Herne auf, mitten im Ruhrpott. Im Gespräch fällt er bisweilen ins heimische Idiom zurück, wenn er von seinem Fußballklub Borussia Dortmund erzählt oder davon, dass „Vadder“ zunächst gar nichts mit seinem Berufswunsch anzufangen wusste. Król junior ist da gerade zarte sechzehn Jahre alt. Der Lehrer hat die Eltern davon überzeugt, dass der begabte Sohn das Gymnasium besuchen soll. Dort kommt das Arbeiterkind in Kontakt mit anderen sozialen Schichten. In der Familie seines besten Freundes haben alle Kinder ein Theaterabo. „Wurde einer krank, war klar, dass der Król die Karte bekommt.“ Die Tür zum Theater geht auf.

„Ich hätte mich rausgeschmissen“

Nach Abitur und Zivildienst studiert Król kurz Theaterwissenschaften in Köln. Doch rasch entstehen Zweifel: Den Freiheitsbegriff von Schiller in einem fensterlosen Raum diskutieren? Król wendet sich irritiert vom Studium ab, nicht aber vom Berufsziel. Zunächst macht er aber mit ein paar Freunden in Dortmund eine Kneipe auf. Im „Vor Ort“ träumt er weiter von der Bühne, bis seine Partner „das Schauspielergeschwätz“ nicht mehr hören können. Er solle was tun oder endlich ruhig sein. „Das war wie ein Schlag ins Gesicht“, erinnert sich Król. In derselben Nacht schreibt er Bewerbungen für mehrere Schauspielschulen.

Die Zusage kommt aus München, einer Stadt, mit der er bis heute nicht warm geworden ist. „Ich wusste nach ein paar Stunden, dass ich da nicht hingehöre.“ Er zieht die Ausbildung trotzdem durch, obwohl er sich die Schule oft woanders wünscht. Etwas durchziehen, das sei so eine Eigenschaft von ihm, sagt Król. Aber auch hier fällt die Selbstkritik hart aus: Er sei faul gewesen und habe die Möglichkeiten nicht genutzt. „Ich hätte mich rausgeschmissen“, sagt er nüchtern.

„Ich habe sofort gemerkt: Der fiebert“

Mitte der achtziger Jahre ist Król ausgebildeter Schauspieler – und arbeitslos. Viele aus seiner Klasse bleiben in München. Król aber kehrt der ungeliebten Bayern-Kapitale den Rücken und geht nach Köln, wo er sich mit Theater- und Fernsehrollen über Wasser hält. Er ist auf der Suche nach Leuten, denen er seine künstlerischen Ideen anvertrauen kann. Anfang der neunziger Jahre trifft er dann endlich auf so jemanden. Eine Agentin bringt ihn mit Detlef Buck zusammen, der gerade mit „Karniggels“ seinen ersten Langfilm produziert hat und vor Ideen sprüht. „Ich habe sofort gemerkt: Der fiebert.“

Zwischen dem Arbeiterkind aus dem Pott und dem Bauernsohn aus dem Norden stimmt die Chemie. Aus dieser Verbindung entstammt die Komödie „Wir können auch anders“, in der Król als Analphabet brilliert. „Der Beginn meiner magischen drei Jahre.“ Noch während der Dreharbeiten nimmt ein unbekannter Produzent namens Tom Tykwer Kontakt zu ihm auf. Król ist begeistert von der Energie des Australiers und willigt ein für dessen Erstling „Die tödliche Maria“. Der Film wird von den Kritikern bejubelt, an den Kinokassen fällt er durch. Dort brilliert Tykwer später mit dem Welterfolg „Lola rennt“, in dem Król einen Obdachlosen gibt. Den Höhepunkt der Trilogie bildet dann ein Werk eines weiteren Newcomers: Sönke Wortmann. Im „Bewegten Mann“ nach den Comic-Vorlagen von Ralph König spielt Król 1994 die schwule Hauptfigur Norbert Brommer. Die Presse überschlägt sich, 7 Millionen Zuschauer wollen die Geschichte seiner unerwiderten Liebe zum Hetero-Helden Til Schweiger sehen. Króls Leistung ist in aller Munde. Aber im Mittelpunkt stehen andere. Während eines Fotoshootings erkennt ihn die Fotografin nicht, „so etwas deprimiert mich sehr“. In der Folgezeit hagelt es Angebote: „Ich hätte lebenslang den Schwulen spielen können“, erinnert sich Król. Aber er will nicht festgelegt werden, lehnt alles ab.

Bierchen statt Fototermin

Er hat keinen Agenten, der ihm sagt, wie er seine Popularität einsetzen kann. Um Marketing in eigener Sache macht er sich keine Gedanken. Während eines Fototermins für „Das Superweib“ imponiert ihm zwar die Professionalität von Kollegen wie Veronica Ferres. Ihm ist der Trubel aber zu viel, er geht mit den Technikern ein Bier trinken. Deshalb fehlt er auf allen wichtigen Pressebildern zum Film. „Ich habe damals viel Geld zurückgeschmissen.“

Ein Häuschen hat er bis heute nicht, es geht Joachim Król aber gut, wie er sagt. Mittlerweile hat er auch den Verlockungen des Fernsehens endgültig nachgegeben. Nachdem er vier Folgen lang als Kommissar Brunetti auf Verbrecherjagd ging, schneiderte ihm das ZDF im vergangenen Jahr die Rolle des Kriminalisten Lutter auf den Leib. Der Ermittler aus Essen ist so nah dran an Joachim Król wie keine andere Rolle bislang. Keine langen Drehzeiten mehr im Ausland, sondern kurze Wege in seinem geliebten Ruhrgebiet. Was kann da noch kommen? Król macht eine Pause und überlegt. „Die Theaterbühne fehlt mir definitiv.“ Der Gedanke, mal eine Zeit lang auszusteigen und dorthin zurückzugehen, wo alles anfing, bewegt ihn. Vielleicht ruft er ja mal an.

Zur Person:

- Joachim Król wurde am 17. Juni 1957 in Herne als Sohn eines Bergmannes mit polnischen Vorfahren geboren.

- Von 1981 bis 1984 wird er an der Otto-Falckenberg-Schule in München als Schauspieler ausgebildet.

- Nach diversen Theater-, Film- und Fernsehengagements wird er Anfang der neunziger Jahre einem breiten Publikum bekannt. Für sein Schaffen erhält er den Bambi, mehrfach den Bundesfilmpreis sowie den Bayerischen Filmpreis.

- Er ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt mit seiner Familie in Köln.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext, Constantin, ddp, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
 
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