Der Mann, der diesen Berufsstand im deutschen Profifußball wie kein Zweiter verankert hat, denkt, fühlt und handelt indes zu differenziert und zu sensibel, um in eine Schablone zu passen. Er, der sein Lebensprinzip mit dem englischen Grundsatz learning by doing“ beschreibt, definiert sich selbst als suchender Praktiker und offen für überraschende Lösungsansätze. Der 55 Jahre alte schwäbische Metzgerssohn, der mit 20 von Ulm auszog, um bei den Bayern die große Fußballwelt zu erobern, hat dabei eine Laufbahnsynthese aus Macherehrgeiz, Machbarkeitsanspruch und Wertarbeitsethos entwickelt, die ihn selbst zu einer originären Marke erhob. Hoeneß prägt Bayern München, Hoeneß lebt Bayern München, Hoeneß ist Bayern München. Das hätte sich der Weltmeister von 1974 und 35-malige Nationalspieler nicht träumen lassen, als er 1979 wegen chronischer Knieprobleme seine Karriere auf dem Platz mit 27 Jahren beenden musste. Der Spieler nutzte die Zeit im Schlussbogen seines Fußballprofidaseins zur Neuorientierung. Wo immer wir mit dem FC Bayern unterwegs waren, habe ich Robert Schwan über die Schulter geschaut, und der hat mir oft gesagt: ,Du wirst mein Nachfolger.‘“ Schwan war in den Jahren, da der FC Bayern dreimal nacheinander, 1974 bis 1976, den Europapokal der Landesmeister gewann, der Ur-Manager des großen Münchner Fußballklubs – in einer Zeit, da die Bayern noch keine Reichtümer außer dem sportlichen Erfolg vorzuweisen hatten. Als Hoeneß zu seinem zweiten Berufs- und Bildungsweg aufbrach, machte sein Verein einen Jahresumsatz von sechs Millionen Euro bei einem Schuldenstand von 3,5 Millionen Euro. Das Betriebswirtschaftsstudium, das der Abiturient vom Ulmer Humboldt-Gymnasium mit einem Notenschnitt von 2,4 kurz ins Auge gefasst hatte, war schon daran gescheitert, dass der junge Hoeneß an der Münchner Maximilians-Universität in den Numerus clausus reingelaufen“ war. Also wandte er sich für kurze Zeit dem Lehramtsstudium in den Fächern Geographie und Englisch zu. Dann aber regierte König Fußball sein Leben, der dem früheren Sprinter am Ball mit 27 Jahren eine frische Perspektive bot. Manager, wie geht das? Bin kein Feindbild mehr“ Uli Hoeneß selbst stellte sich diese Frage vor seinem ersten Arbeitstag im Büro. Schließlich hatte ihn niemand eingearbeitet. Also trat Schwans Nachfolger seinen Dienst an, wie er sich einen Manager vorstellte. Damals habe ich ein graues Sakko, dazu ein hellblaues Hemd angezogen und mir einen schwarzen Notizblock unter den Arm geklemmt. So bin ich zur Säbener Straße gefahren. Das schwansche Büro war fast leer, nur der Schreibtisch und eine Konsole daneben waren da. Dann habe ich mit drei, vier Leuten zwei Stunden rumtelefoniert, und dann bin ich wieder heimgefahren.“ Ein merkwürdiger, denkwürdiger Einstand in einen damals noch konturlosen Beruf, der ihm zunächst wie ein Job vorkam, der den ganzen Hoeneß nicht auszufüllen schien. Heute weist der FC Bayern München neben inzwischen 20 nationalen Meisterschaften und weiteren europäischen und globalen Titeln einen Umsatz aus, der in der Saison 2005/06 die Rekordhöhe von 205 Millionen Euro erreicht hat. Die Bayern München AG floriert nicht zuletzt auch wegen Hoeneß, der im Gegensatz zu den meisten seiner Bundesliga-Kollegen, die entweder für den Sport oder für das Geschäft zuständig sind, auf beiden Gebieten zu Hause ist. Wir müssen 200 Millionen reinholen“, sagt Hoeneß, das ist mein täglich Brot. Und das macht 80 Prozent meiner Arbeit aus.“ Die Zeit, die der nach eigenem Bekunden extrem ehrgeizige“ Liga-Visionär und Bayern-Vordenker für den Sport aufwendet, bildet den Teil der Vita dieses Managers ab, den auch die Öffentlichkeit miterlebt. Wie Hoeneß bei jedem Spiel auf der Bank neben dem Trainer Siege mitfeiert und bei Niederlagen mitleidet, wie er mal giftet, mal beschwichtigt und die von ihm hochgeschätzte Streitkultur“ am Leben hält, da wird der bulligste Bayern-Vorkämpfer zum gläsernen Menschen. So poltrig“, wie er einmal war, sei er aber längst nicht mehr. Was mich stolz macht: Ich bin, glaube ich, kein Feindbild der Liga mehr.“ Außerdem sei ihm, der die Kunst der Provokation aus dem Effeff beherrscht, längst auch im Blick auf die Gewalttätigkeit rund um den Fußball bewusst, dass ich das nicht auch noch schüren darf, indem ich den Gegner attackiere“. Der Filius führt die Wurtstfabrik Dass Hoeneß oft genug eine fast familiäre Nähe zu Spielern und Trainern sucht und Begriffe wie Nächstenliebe und Fürsorge mit persönlichem Engagement füllt, ist eine andere Facette seines Berufsverständnisses, mit der der wie ein mittelständischer Patron agierende Manager nie hausieren geht. Die ihn kennen, schätzen den fortschrittlichen Wertkonservativen ob seiner Herzenswärme sehr. Im Jahr 2009 soll Hoeneß, wenn es sich Beckenbauer nicht noch einmal anders überlegt, dem Fußball-Kaiser“ als Präsident des FC Bayern München folgen. Er selbst werde so manchen überraschen, der glauben möchte, ein Motoriker wie Hoeneß könne niemals loslassen“. Als er seinem Sohn Florian die Leitung seiner Nürnberger Wurstfabrik Howe“ übertrug, hat auch jeder gesagt, der arme Bursche wird unter dem Alten leiden“. Weit gefehlt: Mein Sohn beschwert sich sogar manchmal, dass ich mich zu wenig um die Firma kümmere.“ Dass Vater Uli seinen 22 Jahre alten Filius nach absolvierter Banklehre überzeugen konnte, eine Firma zu führen, spricht im Übrigen dafür, dass sich das hoeneßsche Prinzip learning by doing“ vererbt hat. Der Bayern-Boss sagt dazu: Wenn ich Mathematikprofessor oder Physiker werden will, brauche ich ein Studium. Aber um einen kaufmännischen Beruf auszuüben, in dem jeden Tag etwas Neues passiert, muss ich nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag studieren.“ Hüter der Abteilung Festgeld Uli Hoeneß selbst ist einer, der schon in der Schule und später bei den Bayern oft genug selbst angepackt hat, wenn Produkte zu retten oder auf den Markt zu bringen waren. So hat er als Schulsprecher die defizitäre Schülerzeitung seines Gymnasiums saniert, indem er die dazu notwendigen Anzeigen akquirierte. Plötzlich hatten wir einen Überschuss, und mit dem haben wir jedes Jahr ein Riesenschulfest für 2000 Leute veranstaltet.“ Genauso hat Hoeneß persönlich den Fanartikelverkauf bei den Bayern mobilisiert, als Merchandising noch ein Fremdwort im deutschen Profifußball war. Für die Ware FC Bayern gibt es noch immer keinen besseren und glaubwürdigeren Verkäufer als diesen Uli Hoeneß, der genau weiß, dass angesichts der in anderen führenden Fußball-Nationen üppiger fließenden Fernsehhonorare oder durch den Einstieg von Investoren die internationale Wettbewerbsfähigkeit seines Klubs gelitten hat. Die Bayern, die im Sportartikelhersteller Adidas einen strategischen Zehn-Prozent-Partner haben und vorerst nicht an die Börse streben, besitzen noch einen großen Namen, können aber mit Vereinen wie dem FC Chelsea, FC Barcelona oder Real Madrid ökonomisch nicht mehr mithalten. Wenn wir heutzutage die Champions League gewinnen“, sagt Hoeneß, ist das so, als wenn Eintracht Frankfurt deutscher Meister wird.“ Mit einer Risikostrategie und wirtschaftlicher Unvernunft den Rückstand kurzfristig auszugleichen, käme ihm nie in den Sinn. Also kämpft er, der die Festgeldabteilung“ des FC Bayern zu einem auf 120 bis 150 Millionen Euro geschätzten Depot der ökonomischen Handlungsfähigkeit für kostenintensive Jahre ausgebaut hat, weiter um höhere Fernseheinnahmen und gegen die bedenkenlosen Geldvernichter und Mammonverschwender anderswo. Selbst wenn seinem Klub demnächst 100 Fernsehmillionen statt der jetzt maximal zu erreichenden 27 Millionen Euro für eine deutsche Meisterschaft zuflössen, wäre Hoeneß aber nicht unbedingt glücklicher. Der Geschäftsmann aus München ist zuerst Sportsmann geblieben: Wenn wir dann 100 Millionen Euro hätten und der VfL Bochum 5 Millionen, machte es doch in Deutschland keinen Spaß mehr. Irgendwo hinzufahren und alles niederwalzen zu können, das kann es doch im Sport nicht sein.“ So wie jetzt aber, da die Bayern weit davon entfernt sind, ihren deutschen Meistertitel verteidigen zu können, kann es nach Ansicht von Hoeneß auch nicht weitergehen. Wenn ich 2009 als Manager aufhöre, dann höre ich nicht als Vierter auf.
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