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Hans Engberding Vorbild in der Touristenklasse Von Andreas Obst
Es war der erste Abend an Bord der Mekong Sun“, die am Kai von Chiang Saen vertäut lag. Einst als Zentrum des Opiumanbaus berüchtigt, hat sich die thailändischen Kleinstadt im Goldenen Dreieck, dort, wo Thailand, Laos und Myanmar an den Ufern des Mekong zusammenstoßen, in ein umtriebiges Touristennest verwandelt. Es war angenehm, in der lauen Nacht an Deck des Schiffes zu sitzen, Bier zu trinken und den Menschen am Ufer zuzuschauen. Von der Mekong Prince“, die gleich nebenan am Ufer lag, schallten fröhliche Stimmen herüber. Mit dem ehemaligen Karaoke-Schiff chinesischer Funktionäre war die deutsch-schweizerische Reisegruppe zwei Tage lang den Mekong hinuntergefahren, auf dem wildesten Stück seines Oberlaufs. Die Fahrt hatte durch gefährlich schnelle Strömungen und gurgelnde Strudel geführt, vorbei an versteckten Sandbänken und nadelspitzen Felsen. Als eine der ersten Gruppen aus Europa war die Gesellschaft auf dieser Strecke unterwegs, denn erst seit kurzem sei der obere Teil des Mekong überhaupt schiffbar, freigesprengt von chinesischen Pionieren. So hatte es Hans Engberding erzählt, der Eigentümer des Unternehmens Lernidee Erlebnisreisen und Erfinder spektakulärer Abenteuerreisen mit sanfter Polsterung durch lückenlose Organisation. Auf dem Flughafen im südchinesischen Jinghong, dem Ausgangspunkt der Flussfahrt, hatte er auf die Reisegruppe gewartet und gleich die Führung übernommen. An diesem Abend feierte er Abschied von der chinesischen Besatzung der Mekong Prince“. Denn während die Reisegruppe auf der Mekong Sun“, dem ersten Schiff, das Lernidee bauen ließ, am nächsten Morgen den Mekong hinab Kurs auf Laos nehmen sollte, würde das chinesische Schiff umkehren und nach Jinghong zurückfahren. Vielsprachig flogen die Wünsche für Glück und Erfolg zwischen den Europäern und der chinesischen Besatzung hin und her, viele Gläser Reisschnaps wurden gemeinsam geleert, und am Ende des Abends hatte Engberding höflich, aber bestimmt drei Heiratsanträge der Köchinnen und Kellnerinnen von der Mekong Prince“ abgelehnt. Hier verhandelt der Cheftelefonist
Mehr als hundert Tage im Jahr ist Engberding mit seinen Kunden in der Welt unterwegs. Oft buchen sie seine Anwesenheit mit, ohne es überhaupt zu wissen. Einmal taucht er auf einem Bahnsteig in Sibirien auf, ein anderes Mal verschwindet er im Gedränge auf einem asiatischen Flughafen. Eben noch begleitete er für einige Tage zahlende Gäste durch die Mongolei, schon sitzt er im Gespräch mit seinem laotischen Partner auf der Terrasse eines Restaurants in Vientiane, um über ein weiteres Schiff zu verhandeln. Selbst seine engsten Mitarbeiter in Berlin wissen oft nicht, wo er sich gerade aufhält – bis sie eine E-Mail erhalten mit der Bitte, für ihn einen Flug von hier nach dort zu buchen, und immer in der Touristenklasse, denn es würde Hans Engberding nicht einfallen, komfortabler zu reisen als die meisten seiner Gäste, und auch nicht besser als die führenden Angestellten seines eigenen Unternehmens. Auf einem Sitz in der Touristenklasse sei man als Chef ganz selbstverständlich Vorbild, sagt er, und dass er lieber eine Nacht leide und dafür dreihundert ruhige Tage im Büro habe. Dieser Vergleich freilich kann nur metaphorisch gelten, denn im Büro hält es Engberding schon lange nicht mehr. Inzwischen hat er die Geschäftsführung seines Unternehmens abgegeben und sich selbst zum Produktentwickler und Qualitätsprüfer ernannt. Solche Titel machen auf Visitenkarten Eindruck, vor allem in Osteuropa und in Asien öffnen sie manche Tür. Engberding besitzt aber auch eine Visitenkarte mit der Aufschrift Cheftelefonist“. Sie setzt er in Gesprächen ein, wenn er den Verlauf von Verhandlungen beobachten will, ohne selbst eingreifen zu müssen.
Längst verdiene er mehr, als er ausgeben könne, sagte Engberding, bei diesen Worten schwingt kein Hauch von Koketterie mit. Nie tritt er anders auf als in dunkler Hose und dunklem Pullover, er besitzt kein Auto und keinen Fernseher und leistet sich als einzige Extravaganz ein grellbuntes Brillengestell. Auf Anhieb nimmt man ihm ab, dass ihm die Aura des Geldes nichts bedeute. Für die Katalogausschreibung der Reisen seines Unternehmens hat er das Wort Luxus“ verboten. Lernidee-Reisende sollen sich redlich bedient“ fühlen, sagt er, und dass ihn jeder Fragebogen wütend mache, bei dem befriedigend“ als beste Kategorie angekreuzt sei. 7000 Kunden zählt Lernidee im Jahr, die meisten von ihnen haben die vierzig überschritten und sind finanziell in der Lage, sich aufwendige Reisewünsche zu erfüllen. Doch erst seit einigen Jahren bietet das Unternehmen, das 27 Millionen Euro umsetzt, Arrangements an, die teurer sind als 2500 Euro. Im nächsten Jahr aber soll nun auch beim Preis eine neue Schwelle überschritten werden: Erstmals hat Lernidee den südafrikanischen Rovos Rail gechartert und schickt den legendären Zug unter eigener deutscher Leitung auf eine Achtzehn-Tage-Schienenkreuzfahrt von Kapstadt nach Daressalam, der Hauptstadt Tansanias. Die Buchung des kompletten Zugs war auch deshalb erforderlich, weil Engberding darauf bestanden hatte, den sonst an Bord gepflegten Zwang zur Abendgarderobe aufzuheben. Zum Polarkreis schippern Die Freiheit, die er sich vom Tagesbetrieb genommen hat, versetzt ihn heute in die Lage, Reiseideen zu entwickeln. Nur ein Bruchteil davon lassen sich tatsächlich verwirklichen, sagt er, aber sie seien den Aufwand wert. Eine halbe Million Euro kostete ihn der Neubau der Mekong Sun“ auf einer Sandbank im Fluss nahe der ehemaligen laotischen Königsstadt Luang Prabang. Nach mehr als zwanzig Jahren im Tourismus ist das Schiff seine erste Investition mit unternehmerischem Risiko. Derzeit denkt er darüber nach, Züge für Einsätze in der Mongolei oder in Südafrika bauen zu lassen, bereits im kommenden Jahr will er die weltweit längste Flussfahrt im Katalog haben: elf Tage durch Sibirien, von Omsk die Flüsse Irtyš und Ob hinauf bis an den Polarkreis. Unlängst hat Engberding diese Reise selbst erstmals unternommen, die russischen Schiffe aus den Fünfzigern, die auf der Strecke im Einsatz sind, wird er renovieren lassen, damit sie den Ansprüchen der Gäste genügen, dann soll sich die Schiffsreise mit der Fahrt auf einem Teilstück der Transsibirischen Eisenbahn zu einem neuen Reiseerlebnis fügen.
Mit der Transsib, der legendären Eisenbahnstrecke, die über fast 9500 Kilometer durch Russland führt, machte Engberding die ersten Erfahrungen im Tourismus. Nachdem sich sein ursprünglicher Berufswunsch, an deutschen Schulen im Ausland zu unterrichten, an der Unvereinbarkeit der eigenen pädagogischen Vorstellungen mit den Vorschriften deutscher Behörden zerschlagen hatte, kam er auf die Idee, Sprachkurse auf diesem Zug anzubieten. Genau genommen, resultierte der Einfall aus einem Missverständnis, der aus Kostengründen knapp gehaltenen Anzeige für einen Reisesprachkurs Russisch“. Damit wollte Engberding ursprünglich nur für das Angebot seiner mit Kollegen gegründeten privaten Berliner Sprachschule werben. Doch die Interessenten, die anriefen, fragten nach Sprachreisen. So fuhren im Winter 1986 auf seine Vermittlung erstmals 16 Kunden in vier Vier-Personen-Abteilen von Moskau nach Irkutsk, damals die Endstation für Touristen aus dem Westen. Unterwegs vermittelte Engberding ihnen Grundzüge der russischen Sprache: das kyrillische Alphabet und die Fähigkeit, Speisekarten und Stadtpläne zu lesen. Im Sonderzug durch Russland Seit 1999 setzt Lernidee während der Sommermonate auf der Transsib-Trasse einen Sonderzug ein, der zusammengestellt ist aus ehemaligen Schlafwagen der sowjetischen Nomenklatura und neugebauten Waggons. Die eigentliche Bahnfahrt ist zum Zwei-Wochen-Erlebnis gestreckt, mit Hotelübernachtungen unterwegs, Ausflügen und Besichtigungen, Vor- und Nachprogrammen in Moskau und Peking. Die chinesische Hauptstadt hat erst Lernidee zum Transsib-Ziel gemacht – weil Peking touristisch attraktiver sei als Wladiwostok, der historische Streckenendpunkt. Neben Wodkaverkostung und Teezeremonie ist der ursprüngliche Sprachkursus immer noch Bestandteil des Programms an Bord des Zuges. Allerdings inzwischen zum touristischen Zeitvertreib auf jeweils eine Vormittagsstunde an den Tagen verkürzt, da der Zug ohne Halt durch die Weite Sibiriens fährt. Am Ende der Reise können die Gäste ihre Namen auf Kyrillisch schreiben. Zum Abschied erhalten sie eine hübsche Urkunde.
Bildmaterial: Andreas Pein, Lernidee, picture-alliance/ dpa |
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