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Axel Ockenfels

Rebell im Elfenbeinturm

Von Holger Schmidt



Starkökonom und Deutschrocker: Axel Ockenfels
19. Mai 2008 
Fast wäre seine wissenschaftliche Karriere zu Ende gewesen, bevor sie richtig begonnen hat. Als Axel Ockenfels im Jahr 2000, gerade 31 Jahre alt, zusammen mit dem Amerikaner Gary Bolton seine ERC-Theorie aufstellt, zieht er sich den Zorn fast der gesamten Ökonomenzunft zu. Denn das Papier schlägt ein wie eine Bombe, rüttelt an den Grundfesten der Volkswirtschaftslehre. Die damals ungeheure Kernaussage lautet: Menschen sind soziale Wesen, die eben nicht immer vollkommen rational und eigennützig handeln, wie es das weithin akzeptierte Modell des Homo oeconomicus unterstellt. "Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, kommt an Prinzipien wie Fairness oder Gerechtigkeit nicht vorbei", sagt Ockenfels.

Besonders fair gehen die honorigen Professoren der Volkswirtschaftslehre mit dem jungen Rebellen aus Deutschland nach der Veröffentlichung seines Aufsatzes aber nicht um. "Ich wurde von einigen etablierten Hotshots der VWL angegriffen, bei einer Konferenz auf dem Gang angeschrien. Dazu kamen Versuche, meine Arbeit zu blockieren", sagt Ockenfels. Es folgen schlaflose Nächte und die ernsthafte Überlegung, die Wissenschaft an den Nagel zu hängen. Doch überzeugt von seiner Arbeit, hält Ockenfels durch und startet eine der vielversprechendsten Karrieren in der Wirtschaftswissenschaft: Mit 34 Jahren wird der 1,94-Meter-Schlacks Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln, macht die experimentelle Wirtschaftsforschung in Deutschland zum Standard, erhält mit 36 den Leibniz-Preis und mit 37 den Gossen-Preis. Bis heute ist sein ERC-Papier einer der meistzitierten, aber auch meistdiskutierten Aufsätze in der Volkswirtschaftslehre.

Von BAP zum Gleichgewichtsmodell

Eigentlich wollte er seinen Idolen von BAP nacheifern

Dabei hätte seine Karriere auch ganz anders laufen können. Ockenfels, Fan der Kölner Kultband BAP, will zunächst Musiker werden, wechselt sogar das Gymnasium, um Musik und Mathematik als Leistungskurse belegen zu können. Doch mit dem Abitur kommt ihm die Erkenntnis, für die Musik nicht gut genug zu sein. Also beginnt er mit dem Studium der Volkswirtschaftslehre und wählt dafür die Universität Bonn, wo die Volkswirtschaftslehre eher Mathematik ist. In seiner Diplomarbeit soll Ockenfels zunächst einen Existenzsatz in einem allgemeinen Gleichgewichtsmodell beweisen, was nicht nur ihm abstrus vorkommt und die ersten Gedanken über den Sinn des VWL-Studiums hervorruft.

Doch das Schicksal kommt ihm zu Hilfe - in Person von Reinhard Selten. Der Spieltheoretiker bietet dem jungen Studenten an, doch lieber ein Experiment zu machen, was Ockenfels erst als unseriös zurückweist. Doch Selten gibt nicht auf, nimmt sich tagelang Zeit, Ockenfels zu überzeugen. Mit Erfolg. Ockenfels wirft sein erstes Diplomarbeitsthema hin und wechselt die Seiten zu Selten. Es ist die Entscheidung seiner Karriere. Während Ockenfels in der Bonner Mensa sein Experiment als Gewinnspiel veranstaltet, erhält Selten den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, als erster Deutscher überhaupt. Und es kommt noch besser: Als Ockenfels seine Arbeit fertig hat, bietet ihm Selten an, gemeinsam ein Papier darüber zu veröffentlichen. Der Student und der Nobelpreisträger - besser kann eine Karriere nicht starten. "Man braucht auch viel Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich habe mich nie explizit für eine wissenschaftliche Karriere entschieden, sondern bin immer hineingespült worden. Ohne Seltens Einfluss auf mein Denken säße ich heute nicht hier", gibt Ockenfels zu. Noch heute arbeitet Ockenfels eng mit Selten zusammen. Die beiden Ökonomen haben gerade ein Zehnjahresprojekt gestartet. Gemeinsam mit Psychologen wollen sie das eingeschränkt rationale Verhalten der Menschen erforschen. "Die Ökonomen können von den Psychologen noch viel lernen", sagt Ockenfels.

„Für Unsinn siehe Ockenfels“

Doch dann studierte er in Bonn VWL

Doch nach dem Studium führt ihn sein Weg zunächst weg aus Bonn und damit weg von Selten. Ockenfels, politisch aus der linken Ecke kommend, begeistert sich für ein Buch von Joachim Weimann, der Umweltökonomik mit der Spieltheorie verknüpft. Für seine Doktorarbeit über "Fairness, Reziprozität und Eigennutz" geht Ockenfels zu Weimann nach Magdeburg, obwohl Bonn als idealer Ort für mathematische Volkswirte gilt. Der Wechsel bringt ihm wieder Kopfschütteln seiner Kollegen ein, denn Magdeburg gilt nicht als Sprungbrett für eine Wissenschaftskarriere. Doch auch dieser Schritt war richtig, stellt Ockenfels heute fest. "An vielen anderen Universitäten hätte ich das ERC-Papier nicht schreiben können, weil es zu weit weg von der herrschenden Meinung war. In Magdeburg hatte ich aber völlige Freiheit", sagt Ockenfels. Dazu gehört auch die Freiheit, für gleich zwei Forschungsaufenthalte in die Vereinigten Staaten zu gehen. Doch obwohl sich viele Universitäten um den aufstrebenden Jungstar bemühen, kommt Ockenfels immer wieder zurück nach Magdeburg, promoviert und habilitiert sich dort. Über den Umweg des Max-Planck-Instituts für Wirtschaftswissenschaften in Jena kommt Ockenfels schließlich 2003 nach Köln, wo er zusätzlich noch den Posten des Direktors des Energiewirtschaftlichen Instituts erbt.

In Köln baut er ein Labor für Wirtschaftsforschung auf - als einer der Ersten in Deutschland. Dort erforscht er, wie sich Menschen wirklich verhalten, zum Beispiel bei einer Online-Auktion auf Ebay. Denn der Homo oeconomicus ist eine Kunstfigur, die es in der Realität nicht gibt, sagt er. Seine Leidenschaft wird die Kombination aus Mathematik und Spieltheorie mit experimenteller Wirtschaftsforschung. Eine Theorie, die sich in der Empirie nicht bestätigen lässt, taugt unter den jungen Ökonomen nichts mehr. Dass er damit die Ökonomenzunft immer noch spaltet, nimmt er heute lächelnd in Kauf. "Die Stimmung ist gekippt. Die Ökonomen, die diese Denkweise ablehnen, werden immer weniger. Auch wenn es heute noch die Fußnoten ,Für Unsinn siehe Ockenfels' gibt", sagt er schmunzelnd.

Wer anders liegt, verseht den Markt nicht

Dort inspirierte ihn der Spieltheoretiker und Nobelpreisträger Reinhard Selten

Aber für den Diskurs ist er heute, mit 39 Jahren, gestärkt und gereift. Konfrontationen scheut er nicht. Im Gegenteil - er scheint sie zu mögen. "Ich weiß, dass andere mir nicht alles glauben. Und dann ist es die Kunst, den anderen mit seinen Argumenten zu überzeugen. Wenn ich mir sicher bin, dass ich recht habe, dann scheue ich auch nicht zurück, klare Worte zu finden", sagt Ockenfels über sich. Zum Beispiel in der Energiepolitik, wo er - wieder im Gegensatz zur herrschenden Meinung - die Marktmacht der Energieversorger nicht als Grund für hohe Preise sieht. Wer anderes behauptet, liege eben falsch und verstehe den Markt nicht.

Überhaupt mischt er sich gerne in aktuelle Diskussionen ein. "Ich versuche, spannende Themen, die auf der Straße liegen, aufzugreifen. Ich bin in der glücklichen Lage, die Dinge machen zu können, die ich möchte", sagt er. Diese Einstellung kann er sich leisten, weil er den Leibniz-Preis erhalten hat. Mit dem Geld hat er sich einen Professor gemietet, der für ihn die Vorlesungen an der Universität hält. Dieses "Teaching-Buyout" ist zwar umstritten, doch ohne diese zusätzliche Freiheit wäre Ockenfels wohl in die Vereinigten Staaten abgewandert. "Ich habe andere Optionen als Köln gehabt, darunter auch mehrere gute Angebote aus den Vereinigten Staaten. Ich arbeite aber auch heute schon mehrheitlich mit Amerikanern zusammen. Dafür muss man nicht Tür an Tür mit ihnen arbeiten", sagt er. Derart unabhängig, lässt er sich heute gerne treiben, nimmt sich der Themen an, die er interessant findet. Er will mitmischen in der öffentlichen Diskussion. In 60 Arbeitsstunden in der Woche treibt er seine Projekte an, darunter auch viel Industrieforschung.

Nicht irgendwann in Harvard enden

Heraus kam die ERC-Theorie, welche einige Grundannahmen seiner Disziplin über den Haufen warf

Zu viel Industrieforschung, wie manche Kritiker aus der anderen Ecke des Elfenbeinturms meinen. Doch Ockenfels hält dagegen: "Das Leben im Elfenbeinturm ist gemütlich. Mein Sinn des Lebens ist aber nicht, möglichst viele Papiere zu veröffentlichen. Mir geht es um Erkenntniszuwachs und darum, die Erkenntnisse auch in bessere Märkte, Institutionen und Strategien umzusetzen. Am Ende muss der Nutzen auch praktisch erfahrbar sein." Weniger staatstragend gibt er zu, nicht mehr immer die Motivation zu haben, das Ergebnis eines Forschungsprojektes auch aufzuschreiben. "Ich glaube, ich könnte mehr Output erzeugen. Aber im Gedanken bin ich dann schon meist beim nächsten Projekt. Ich hoffe zuweilen auf einen Coautor, der die Zeit und die Geduld hat, die Ergebnisse aufzuschreiben und zu veröffentlichen." Ein großes Ziel? Hat er nicht. "Ich bin W3-Professor. Viel mehr geht in Deutschland nicht." Er will viele neue Projekte machen, frei und unabhängig im Kopf bleiben. "Ich arbeite nicht darauf hin, irgendwann in Harvard zu enden."

Zur Person:

- Axel Ockenfels wird am 9. Februar 1969 in Rheydt geboren. In seiner Jugend will der BAP-Fan Musiker werden.

- In seinem Studium der Volkswirtschaftslehre fördert ihn Reinhard Selten, der bisher einzige deutsche Nobelpreisträger in dieser Disziplin.

- Im Jahr 2000 veröffentlicht Ockenfels seine ERC-Theorie, mit der er die traditionelle Volkswirtschaftslehre in Frage stellt.

- 2005 erhält er den Leibniz-Preis und leistet sich einen Professor, der für ihn Vorlesungen hält, damit er mehr Zeit für die Forschung hat.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andreas Pein, AP, Edgar Schoepal, F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt, picture-alliance/ dpa
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Mentoren sind wichtig 19.05.2008, 15:17
 
   
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