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Esther Schweins

Die Nomadin

Von Sven Astheimer



Sinnlich, sexy, selbstbewußt: die Schauspielerin und Moderatorin Esther Schweins.
04. Dezember 2006 
Die Schönheit kommt heute aus dem Koffer. Ein paar Schminkutensilien müssen genügen, wenn Esther Schweins unterwegs ist. Und sie ist immer unterwegs. Denn einen festen Wohnsitz hat die Schauspielerin und Moderatorin nicht mehr. Seit Anfang des Jahres führt sie dieses Leben einer Nomadin. Die Wohnung in Berlin ist aufgelöst, Hab und Gut ist in einer Garage eingelagert, nur die wichtigsten Dinge gehen mit auf die Reise. Das Schlüsselerlebnis sind die Weihnachtsfeiertage 2004, als der Tsunami den Urlaub auf Sri Lanka für sie und ihre Mutter um ein Haar in eine tödliche Falle verwandelt. Sie kommt zwar wieder nach Deutschland zurück, aber nicht mehr zu Hause an. Ihre eigenen vier Wände sind ihr fortan fremd. Deshalb entschließt sie sich loszulassen. Als Schauspielerin wohnt sie ohnehin 150 Tage im Jahr im Hotel, zwischendurch schlüpft sie jetzt bei Freunden unter, mal auf Mallorca, mal in Berlin. Gemeldet ist sie nirgendwo mehr, es gibt nur die Postanschrift ihrer Agentur - auch das geht in Deutschland.

Weder schön noch witzig

"Es funktioniert gut", sagte die 36 Jahre alte Vagabundin, und man ist geneigt, ihr zu glauben. Zumindest vermißt man keinen der vielen Kosmetiktiegel, die sie aussortiert hat, wenn man sie so in der Hotellobby sitzen sieht, in Jeans und Schlabberpulli, nur dezent geschminkt und ein karges Frühstück vor sich, das aus einer Latte macchiato, einem Orangensaft und einer Zigarette besteht. Die Schönheit der Esther Schweins kommt leise und natürlich daher an diesem grauen Novembermorgen mitten im Ruhrgebiet.

Mit der Comedy "RTL Samstag Nacht" wurde sie schlagartig berühmt.

Schönheit und Witz verbindet die "Marke Schweins" - ein Begriff, den sie heute auch verwendet, aber immer noch schrecklich findet. Dabei fühlt sich Esther Schweins lange Zeit weder schön noch witzig. Das dünne Mädchen aus dem südhessischen Viernheim ist eher ruhig und zurückhaltend, ihre Eltern vermitteln ihr auch in den siebziger Jahren noch die Werte der Kriegsgeneration. "Mit meiner Großmutter bin ich auf dem Feld den Bauern hinterher und habe die Kartoffeln aufgesammelt." Nach dem Abitur verläßt sie das Elternhaus, um an der Schauspielschule in Karlsruhe zu studieren - Regie, wie sie damals noch glaubt. Doch der obligatorische Schauspielunterricht zieht sie in seinen Bann, sie leckt Blut. Auf der anderen Seite schockiert sie der Blick hinter die Kulissen der scheinbar heilen Theaterwelt - viel Alkohol, gescheiterte Karrieren. Sie wechselt nach Bochum, "wo alle über die hohe Kunst sprachen und einen Meter über dem Boden schwebten". Für Schweins aber bedeutet Schauspiel "Blut, Schweiß und Tränen". Sie bricht ab in der Überzeugung: kein Theater mehr.

Ein unmoralisches Angebot

Sie spielt mit dem Gedanken, Journalistin zu werden, arbeitet für eine Casting-Agentur. Dort entdeckt sie Jacky Dreksler, der sie Hugo Egon Balder ans Herz legt. Die beiden wollen ein völlig neues Comedy-Format produzieren: "RTL Samstag Nacht". Eine Stelle im sechsköpfigen Team ist noch vakant. Gesucht wird neben der burschikosen Tanja Schumann eine zweite Frau, die den Charme der Femme fatale mit kühlem Humor verbindet. Eine Rolle wie gemacht für die 23 Jahre alte Schweins. Zunächst hält sie die Offerte für "ein unmoralisches Angebot", sieht sich als Nummerngirl über die Bühne tingeln. Erst ein Gespräch mit Balder, der vom Theater kommt, stimmt sie um.

Den Kontakt zum Theater hat die Schauspielerin nie verloren.

Doch der Aufschrei unter ihren Theaterfreunden ist groß: "Wie kannst du nur zum Fernsehen gehen? Und dann auch noch Comedy?!" Zweifel, die sie selbst plagen. "Ein Teil von mir sagte ,Die haben alle recht' - aber ein anderer sagte viel lauter: ,Jetzt erst recht.'" Die Kritik greift sie auf: "Wenn es heißt ,Es geht nicht', spornt mich das an." Schweins, der bereits die Schauspiellehrer eine Zukunft als "lustige Salondame" prophezeit haben, nimmt die Herausforderung Comedy an. "Ich habe das damals als Teil einer kompletten Ausbildung begriffen."

„Wir wurden verheizt“

Der Erfolg gibt ihr recht. "Samstag Nacht" hat in der Spitze fast fünf Millionen Zuschauer und bei der Gruppe der 14- bis 49jährigen zeitweise einen Marktanteil von fast 30 Prozent. Unter Jugendlichen erlangt die Sendung rasch Kultstatus. Das Konzept ist revolutionär und setzt Maßstäbe: Zwischen den kurzen Sketchen gibt es Live-Musik, prominente Gaststars tauchen regelmäßig neben der sechsköpfigen Stammannschaft auf. Während die männlichen Kollegen wie Olli Ditt-rich, Wiegald Boning oder Mirco Nontschew musizierend, jonglierend oder imitierend durchs Studio kaspern, gibt Schweins die laszive Nachrichtensprecherin oder spielt eine Liebesexpertin. Ihre roten langen Haare werden zum Markenzeichen, sie gilt als "sinnlich und sexy", als "schönste Frau Deutschlands". Die Sendung wird mit Preisen überhäuft: 1994, nur ein Jahr nach dem Sendestart, gewinnt die Serie den Bayerischen Fernsehpreis, außerdem den Löwen von Radio Luxemburg, den Bambi und den Adolf-Grimme-Preis.

Als Moderatorin von "Foyer" will sie die Lust für das Theater wecken.

"Wir haben Anarchie pur gemacht", erinnert sich Schweins. Die Sendung habe aus dem Pool von Ideen der Kollegen gelebt. Nach drei Jahren ununterbrochen auf Sendung - "wir wurden verheizt" - ging der Stoff für gute Witze jedoch langsam zu Ende. "Wir sind mit Sachen auf Sendung gegangen, die wir zwei Jahre zuvor nicht gemacht hätten." Der Sender reagiert aus ihrer Sicht zu träge. Personelle Entlastung ist nicht in Sicht, die Sketche brütet immer noch dieselbe fünfköpfige Crew im selben fensterlosen Zimmer aus.

Sinkende Quote - tiefer Ausschnitt

Plötzlich spielen sich dieselben Leute als Comedy-Experten auf, die das Format vorher zum Scheitern verurteilten. Um den Verfall der Quote zu stoppen, soll der Ausschnitt tiefer, der Schlitz im Kleid dafür länger werden. Das geht Schweins zu weit. Vom Vater - "einer Spielernatur" - bekommt sie den Rat: "Zieh Schuhe an, in denen du sicher stehst, und dann sag ihnen, daß Schluß ist." Zwar beschließen die sechs Darsteller, es noch einmal zu versuchen. Doch im Sommer 1999 fällt der Vorhang für "Samstag Nacht".

Für Esther Schweins ein Startschuß zur "zweiten Karriere", die sie neben zahlreichen Fernsehproduktionen auch zurück zu den Wurzeln führt: Im Jahr 2000 springt sie kurzerhand für Detlef Buck ein, der am Berliner Arena-Theater ein amerikanisches Ein-Mann-Stück inszenieren sollte. "Nach der Zusage konnte ich vor Aufregung nicht mehr schlafen", erzählt Schweins und zieht dabei an der soundsovielten Zigarette. Doch die Aufregung lohnt sich. Ihr Regiedebüt sollte sieben Wochen aufgeführt werden - bis heute sind daraus sechs Jahre geworden, ein Ende ist nicht absehbar. Außerdem läuft der "Höhlenmensch" auch auf mehr als 20 anderen Bühnen. Schweins will ständig Neues lernen, sie spricht von "Erfahrungen hamstern". Ihr Antrieb ist, "eine Arbeit zu finden, bei der ich immer wieder bei Null anfangen muß".

So wie 2002, als sie die Moderation der Theatersendung "Foyer" auf 3Sat übernimmt. Die Sendung besteht bis dahin nur aus einzelnen Beiträgen, von Experten für Experten, wie Schweins findet. "Ich habe nach drei Minuten nicht mehr gewußt, worum es dem Sprecher eigentlich geht." Sie will den Zuschauern vor allem Lust auf Theater machen, sie glaubt, daß viele Leute immer noch einen großen Bogen um die Bühne machen, weil sie an den vermeintlichen Ansprüchen scheitern. "Die glauben, sie müßten Kritiker sein, bevor sie überhaupt Zuschauer sind." Den großen Chefkritiker kann und will sie nicht geben. Der Erfolg gibt ihr auch hier recht, die Zuschauerzahlen steigen schon nach wenigen Wochen um ein Drittel. Das Theater-Fernsehen erschließt ein neues Publikum. In Essen moderiert Schweins zusammen mit ihrem Co-Moderator Theo Koll erstmals live die Verleihung des ersten deutschen Theaterpreises "Faust". Nach einigen Umwegen hat sie ihr Verhältnis zur Bühne definiert.

Sägt am Ast, auf dem sie sitzt

Aber verheiratet, darauf legt sie Wert, sei sie auch mit dieser Tätigkeit nicht. Denn mit dem Erfolg nimmt auch die Diskussion um die strategische Ausrichtung des Formats zu. Der Drang zur "Meinungsführerschaft" paßt aber für Schweins nicht mehr mit der Ursprungsidee zusammen. Im Zweifel würde sie die Konsequenz ziehen. Sie wisse, daß der Beruf allein ihr nicht genügen könne, um das Leben zu erfahren. Ein Gefühl, das sich durch die dramatischen Erfahrungen mit dem Tsunami noch verstärkt hat. Um ihre Aussage zu unterstreichen, erzählt sie die Geschichte, wie ihr ein Programmverantwortlicher den väterlich-wohlmeinenden Rat gab, doch nicht am Ast zu sägen, auf dem sie sitzt. "O doch", sagt sie und verdreht dabei auf die so typische Weise die Augen, "wenn ich anders da nicht runterkomme, säge ich auch daran."

Zur Person

Esther Schweins wird am 18. April 1970 in Oberhausen geboren. Sie wächst in Viernheim auf und studiert nach dem Abitur an den Schauspielschulen in Karlsruhe und Bochum.

Die Comedy-Serie „RTL Samstag Nacht“ verhilft ihr im Jahr 1993 zum Durchbruch. Als Schauspielerin ist sie in verschiedenen Fernsehproduktionen zu sehen. In den deutschen Fassungen der Kino-Erfolge „Shrek“ und „Shrek2“ (2001 und 2004) leiht Schweins Prinzessin Fiona ihre Stimme. Als Theaterregisseurin debütiert sie 2000 mit der Satire „Caveman“.

Seit 2002 moderiert sie die Theatersendung „Foyer“ für 3Sat sowie „Theaterlandschaften“ auf dem ZDF Theaterkanal. Sie ist derzeit in zahlreichen Fernsehproduktionen zu sehen, unter anderem als Kommissarin Katrin Rasch in der RTL-Krimiserie „Die Cleveren“ und in der Sat1-Reihe „Ein Fall für den Fuchs“. Anfang 2007 kommt der Film „Die Anruferin“ mit Esther Schweins in der Hauptrolle in die Kinos.

Text: F.A.Z., 02.12.2006, Nr. 281 / Seite C3
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa
 
 
   
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