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07. Oktober 2008

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Ein Gewinner der Globalisierung: Lakshmi Mittal

Lakshmi Mittal

Vom Schrottsammler zum Sonnengott

Von Werner Sturbeck



14. Januar 2008 Geboren im indischen Rajasthan, erlebt er die ersten Kinderjahre in einem Dorf ohne feste Straßen, ohne Wasser- und Stromleitungen. Die einer bedeutenden Händlerkaste entstammende Familie gibt ihm die Beinamen Lakshmi Niwas. Das bedeutet „Wohnort von Lakshmi“, der Hindu-Göttin des Reichtums. Gut ein halbes Jahrhundert später führt ihn das amerikanische Magazin „Forbes“ weit vorn in der Liste der Reichsten der Welt, mal auf Rang drei oder fünf, je nachdem wie gerade die Stimmung an den Weltbörsen ist. Die indische Presse adelt ihn als „Sonnengott des 21. Jahrhunderts“. Denn seit der Stahlunternehmer 2006 den Widerstand der Führungsspitze der europäischen Arcelor brechen und den einzigen ebenbürtigen Konkurrenten in sein Familienimperium eingliedern konnte, geht die Sonne in diesem ersten global aufgestellten Stahlkonzern der Welt niemals unter. Mit 320.000 Beschäftigten in 60 Ländern, mehr als 70 Milliarden Euro Umsatz und gut 10 Prozent Weltmarktanteil ist der vom Großaktionär Mittal geführte Stahlkonzern fast viermal so groß wie der nächste Wettbewerber.

Dieser märchenhafte Aufstieg beginnt mit einem Irrtum. Mittal wird nach dem Wirtschaftsstudium an dem von belgischen Jesuiten geführten St. Xavier’s College in Kalkutta eine Dozentenstelle angeboten. „Ich fühlte mich geehrt, war auch wirklich interessiert“, erinnert er sich. Aber dann ist ihm aufgegangen, dass seine Vorlesungen stets morgens um sechs Uhr beginnen. Weil er als Student Jahre unter dem Frühaufstehen gelitten hatte, lehnt der frischgebackene Bachelor ab und tritt stattdessen in das Unternehmen der Familie ein.

„Mein Leben ist Stahl.“

„Wenn ich damals wirklich ein bequemeres Leben suchte, habe ich definitiv die falsche Entscheidung getroffen“, kommentiert Mittal heute mit einem Augenzwinkern seinen Berufseinstieg. Aber wahrscheinlich wäre die wissenschaftliche Laufbahn der Irrweg gewesen. „Mein Leben ist Stahl“, sagt der Unternehmer immer wieder über sich: „Schon in meinen frühesten Erinnerungen spielt Stahl eine Rolle.“ Als er sechs Jahre alt ist, zieht die Familie nach Kalkutta, übernimmt der Vater schrittweise eine Stahlgießerei. In diesem wachsenden Familienunternehmen arbeitet er bereits als Student, zunächst als Bürobote.

Der 25-Jährige soll während einer geplanten Ferienreise nach Japan auf einem Umweg in Indonesien eine Immobilie verkaufen. Mittal registriert einen enormen Baustahlbedarf in dem Inselstaat, storniert den Urlaub und kehrt nach Monaten mit konkreten Investitionsplänen und Kreditzusagen indonesischer Geschäftsleute heim. Nahe dem 1976 gestarteten kleinen Stabstahlwerk findet der Jungunternehmer mit seiner eigenen Familie in Indonesien für fast zwei Jahrzehnte einen neuen Lebensmittelpunkt. Bis er sich in London niederlässt und inzwischen als reichster „Brite“ immer wieder Schlagzeilen in der Boulevardpresse macht. „Ich liebe Indien, bin stolz auf dieses Land mit seinen enormen Entwicklungsmöglichkeiten“, erklärt Mittal und widerlegt mit schwungvollem Griff in die Gesäßtasche und dem demonstrativ in die Höhe gestreckten indischen Dokument die Fama von der doppelten Staatsbürgerschaft. „Aber ich bin auch glücklich, einen globalen Konzern führen zu können“, ergänzt er nach einigem Nachdenken.

Wochenendausflug ins eigene Stahlwerk

Familie und Sanierung, das sind Schlüsselelemente seines beispiellosen Aufstiegs. Die Ehefrau ist seine Rückendeckung. Den Sohn Aditya bindet er früh in seine „Freizeitveranstaltungen“ ein. Für einen Jungen gibt es reizvollere Unterhaltung als Werksbesichtigungen am Wochenende. Mittal gibt zu, dass er seinem Sohn einiges zugemutet hat. Aber für ihn ist es heute noch ein Vergnügen, durch seine Betriebe zu streifen. „2007 habe ich 20 Werke besucht“, sagt er stolz. In einem weltumspannenden Konzern kommen da leicht einige hunderttausend Flugkilometer im Jahr zusammen.

Nachdem er die Kapazität seines indonesischen Stahlwerks fast verzehnfacht hat, beginnt Mittal Ende der achtziger Jahre die internationale Expansion mit der Übernahme eines staatlichen Stahlwerks in Trinidad, das mit indischem Management noch im ersten Jahr in die Gewinnzone gebracht wird. Schlag auf Schlag folgen Käufe rund um den Globus. Nordamerika, Zentralasien, West- und Osteuropa – überall wird Mittal fündig. Meist handelt es sich um technisch heruntergekommene, personell überbesetzte Staatsbetriebe. Im Laufe der Jahre sammelt Mittal um sich einen internationalen Stab, darunter viele indische Ingenieure, der darauf spezialisiert ist, marode Unternehmen durch Rationalisierung und neue, flache Führungsstrukturen sowie kleinere Investitionen auf Vordermann zu bringen. Dieser Aufbau kostet in den zehn Jahren bis 1999 nur 2,4 Milliarden Dollar, obwohl er in dieser Zeit den deutschen Marktführer, gemessen in Rohstahlkapazität, überholt. Aber den Begriff „billige“ Einkaufstour weist er mit Nachdruck zurück. „Ich habe nie ein Stahlwerk umsonst erhalten, musste stets den aus Sicht des Verkäufers angemessenen Wert bezahlen“, sagt er schmunzelnd.

Unbeirrt das Imperium vergrößert

Heute hat er gut lachen. Aber in den neunziger Jahren ist er in der Stahlwelt wohl als exzellenter Stahlfachmann bekannt. Nur richtig ernst nimmt ihn damals niemand. Weder wenn Mittal die internationale Konsolidierung zu einer Handvoll Großkonzerne propagiert, noch wenn er eher beiläufig seinen Aufstieg zum größten Stahlkonzern der Welt ankündigt. Den etablierten Stahlkonzernen mit ihren doppelt so hohen Quoten bei Investitionen und Entwicklung gilt Mittal lange nur als „Schrottsammler“. Denn die meisten seiner Produktionsstätten sind bis dahin Elektrostahlwerke. Ihr aus Schrott erschmolzener Rohstahl kommt nicht an die aus den Hütten stammenden Qualitäten zum Beispiel für Autoaußenhäute heran. In weniger als den avisierten zehn Jahren wird Mittal schon 2004 durch den Zusammenschluss mit einer bedeutenden nordamerikanischen Stahlgruppe der größte Rohstahlproduzent.

In den schwierigeren neunziger Jahren, als sich in der Branche fast jeder nur um das eigene Überleben kümmert, zeigt der Unternehmer in seinem festen Glauben an die Zukunft des Werkstoffs Stahl hohe Risikobereitschaft und Weitsicht. Das unterscheidet ihn von anderen Unternehmern, die etwa in der Internetwelt in relativ kurzer Zeit bedeutend und reich geworden sind, wie zum Beispiel Bill Gates geschickt mit eigenen und entlehnten Ideen einen neuen Markt gestaltet haben. Mittal steigt in riesige marode Konzerne ein, an die sich niemand sonst wagt, geht in Märkte, die anderen viel zu riskant sind, sammelt Betriebe, die den Konkurrenten bei ihrer Konzentration auf die Kernkompetenz und höhere Wertschöpfungsstufen nur lästig sind.

Chinas Stahlhunger fördert Mittals Aufstieg

Zur Jahrhundertwende dreht der Wind. Begünstigt vom Stahlhunger in China, beginnt ein ungewöhnlich dauerhafter Boom. Die Gewinne schnellen hoch, selbst schwache Unternehmen verteuern sich rapide. Wieder überrascht Mittal die Stahlwelt. Während noch gewettet wird, wann die nächste Baisse den Marktführer in die Knie zwingt, erkämpft er im Jahr 2006 hartnäckig gegen den Widerstand der Arcelor-Führung die Übernahme des, gemessen an Umsatz und Ertrag, stärkeren Wettbewerbers. Diesmal allerdings zu einem wahrlich stolzen Preis, nicht nur weil sich der Kauf nebst Schuldenübernahme auf 46 Milliarden Euro summiert. Mittal verzichtet als Aktionär auch auf bisherige Sonderrechte und akzeptiert einen Anteilsbesitz von weniger als 50 Prozent. Dem starken Einfluss der Familie auf die nun größte Stahlpublikumsgesellschaft der Welt hat das keinen Abbruch getan.

Wie auch der 56-Jährige nach der Krönung seiner einzigartigen Expansionsrally keinerlei Ermüdung zeigt – obwohl er mit Sohn Aditya, der für Finanzen und Strategie von Arcelor-Mittal zuständig ist, einen allseits anerkannten Partner und Nachfolger im Unternehmen weiß. „Ich bin voller Energie und begeistert von den Möglichkeiten, diesen Konzern weiter auszubauen und wertvoller machen zu können“, fasst er seine Ziele in einem Satz zusammen. Der Ausbau der Stahlkapazität ist dabei für ihn nur noch ein von mehreren Elementen, um ein vorbildhaftes, nachhaltiges Geschäftsmodell für die Stahlindustrie zu sichern. Sein Werk soll ein Unternehmen sein, das den Aktionären, Beschäftigten und Standorten gleichermaßen einen großen Nutzen bietet. „Ich hoffe, dass sich meine Familie noch in einigen Jahrzehnten dieser Aufgabe verpflichtet fühlt.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, Daniel Pilar, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
 
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