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| Für eine moderne Frauenbewegung: Helga Breuninger |
17. März 2008
Es gibt nicht viele Dinge, die Helga Breuninger stutzen lassen oder auf die sie keine Antwort weiß. Doch auf die Frage, warum sie, die aus der Kaufhaus-Dynastie Breuninger stammt, eigentlich überhaupt ihr Leben lang gearbeitet hat, reißt sie erstaunt die Augen auf und hält inne. Auf diese Idee, man merkt es ihr an, ist sie noch nie gekommen. Ich würde mich fürchterlich langweilen“, ruft sie schließlich entsetzt und muss selbst über sich lachen. 50 bis 60 Stunden in der Woche widmet Helga Breuninger ihren Aufgaben, ihrer Unternehmensberatung Successio, ihrer Arbeit als Chefin der Breuninger-Stiftung, ihren verschiedenen Ehrenämtern. Ich bin eine Gestalterin und eine Schafferin, ich will was bewegen, und ich bin sehr diszipliniert“, sagt sie von sich.
So selbstbewusst, wie Helga Breuninger heute mit sechzig Jahren ist, war sie nicht immer. Der Grundschullehrer sollte es sein, der sie davon überzeugte, dass jeder für sich genommen gut ist, so wie er ist. Meine Mutter kam extra zur Elternsprechstunde, weil sie gemerkt hat, dass ich keine Hausaufgaben mache. Ich hatte wohl so etwas wie Leseschwäche und konnte die Aufgaben alleine nicht lesen.“ Der Lehrer schickte die Mutter wieder nach Hause und half dem Kind, den widerspenstigen Buchstaben selbst auf die Spur zu kommen. Den Mitschülern sagte er: Jeder in der Klasse kann etwas anderes. Helga kann Geige spielen.“ Sie brachte ihre Geige mit in den Unterricht, um ihr Können unter Beweis zu stellen. Sie sollte die Einzige der Klasse sein, die später promovierte.
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| Guten Rat sucht Helga Breuninger auch bei Konfuzius |
Helga Breuninger berichtet von den Höhen und Tiefen ihres Lebens mit einer Offenheit, über die nur verfügt, wer in sich selbst ruht. Der Klassiker unter den Fragen, die häufig an sie gerichtet werden, dreht sich um die Kaufhauskette Breuninger, die ihr Vater Heinz einst in dritter Generation führte; ein Traditionshaus, jedem Stuttgarter ein Begriff und heute deutschlandweit an zehn Standorten vertreten. Das Geschäft, 1881 eröffnet, war im Jahre 1950 das erste deutsche Warenhaus, das Aufzüge und Rolltreppen installierte. 1959, noch vor der Entwicklung der EC-Karten, führte Breuninger als erste Firma in Europa die bargeldlose Zahlung per Kundenkarte ein.
Na ja, bereitest du dich mal vor...
In einem aber war das Kaufhaus Breuninger nicht fortschrittlich. Obwohl die Chance bestand, verpasste die Kette den Schritt, als erster Kaufhauskonzern mit einer Chefin an der Spitze in die Zukunft zu gehen. Diese Frage ist es, die Helga Breuninger immer wieder beantworten muss: Warum? Dabei hat sie so viel erreicht, sind so viele andere Dinge in ihrem Leben wichtig, dass sie sich mittlerweile fast ungern zurück zu entsinnen scheint. Ursprünglich stand der ältere Bruder als Nachfolger für Vater Heinz fest, doch er verunglückte tödlich, bevor er das Amt antreten konnte. Ich dachte, na ja, bereitest du dich mal vor, falls der Vater dich braucht“, sagt Helga Breuninger. Sie studierte Volkswirtschaftslehre und schrieb ihre Diplomarbeit im Kaufhaus. Ich habe mich verantwortlich gefühlt.“
Der Vater fragte sie nicht, ob sie die Nachfolge antreten wolle. Ich hätte es sicherlich gut gemacht“, sagt Helga Breuninger und fügt hinzu, dass sie die Entscheidung des Vaters damals nicht persönlich genommen habe. Vielleicht auch aus Selbstschutz“, gesteht sie ein, aber letztendlich denke ich, mein Vater wollte das Unternehmen nicht mehr in der weitverzweigten Familie halten. Es war die dritte Generation mit vielen Neffen und Nichten, die alle in den Startlöchern standen. Er hatte Angst vor einer Familienfehde.“ Der Senior brachte seine Firmenanteile 1968 in eine Stiftung ein und engagierte einen Geschäftsführer, der noch heute die Geschicke der Kaufhauskette lenkt. Die Töchter sollten zugunsten der Stiftung auf ihr Erbe verzichten. Helga Breuninger bestand im Gegenzug darauf, die Leitung der Stiftung zu übernehmen. Ich habe mir die Stiftung schon damals als das für mich spannendere Unternehmen vorgestellt“, sagt sie rückblickend.
Der Mensch hinter dem homo oeconomicus
Sie machte aus den ursprünglich gehegten und nun über den Haufen geworfenen Zukunftsplänen das Beste. Endlich konnte ich überlegen, was ich wirklich will“, sagt sie. Was Helga Breuninger wirklich wollte nach all den Jahren Volks- und Betriebswirtschaftslehre, war, den Menschen hinter dem angeblich vernunftgesteuerten Homo oeconomicus zu entdecken. Sie studierte Psychologie und promovierte an der Universität Essen mit einem persönlichkeitsfördernden Konzept der Lehrerbildung. Spätestens hier begann sie, Biographisches aufzuarbeiten. Ich habe so oft an meinen alten Lehrer aus der Grundschule gedacht – wie er es intuitiv verstanden hat, uns zu motivieren und uns ein gesundes Selbstwertgefühl zu geben.“ Helga Breuninger baute an der Universität Essen ein Institut für die Behandlung von Lern- und Leistungsstörungen von Kindern auf und gründete eine Stiftung mit ihrem Namen, die sich für die Förderung von Bildung und Erziehung einsetzt.
Die Forschungsarbeit konnte das Energiebündel nicht ewig fesseln. 1988 kehrte sie zurück nach Stuttgart, um sich auf die Projekte der Breuninger-Stiftung zu konzentrieren. Dort, im weitverzweigten Netzwerk aus Freunden und Geschäftspartnern, wurde sie bald in ihrer Eigenschaft als Managerin und Psychologin zu Rate gezogen. Mehrfach luden mich Firmenchefs ein, um so ganz nebenbei zu fragen, welches ihrer Kinder ich denn wohl als geeignet für die Unternehmensnachfolge hielte.“ Das Thema begann sie zu interessieren – die Komplexität von Familienunternehmen, der schwierige Balanceakt zwischen kluger wirtschaftlicher Entscheidung und emotionaler Verbundenheit. 1996 gründet sie Successio, die Gesellschaft für integrative Nachfolgeberatung“. Sie bringt Familienmitglieder an einen Tisch, entwirrt Streitigkeiten, filtert aus den möglichen Kandidaten den oder die geeigneten heraus, begleitet den Übergabeprozess. Immer öfter sind es die Töchter, die dabei zum Zuge kommen – so dass Successio heute einen Schwerpunkt für die Nachfolge von Töchtern hat.
Ich bin nicht 'die Frau an seiner Seite‘
Das ist das zentrale Thema der Helga Breuninger. Ich bin Frau“, sagt sie. Ich bin Leistungsträgerin, ich gestalte die Stiftung sehr erfolgreich und mache mich für die Bürgergesellschaft stark. Ich bin nicht ‚die Frau an seiner Seite‘, sondern die Frau, die eine Meinung hat und sie auch sagt.“ Und der zugehört wird, sowohl von Frauen als auch von Männern. Ganz bewusst nimmt Helga Breuninger diese spezielle Vorbildfunktion ein. Im Beratungsalltag sieht sie, welchen enormen Schwierigkeiten Frauen nach wie vor ausgesetzt sind, unabhängig davon, wie viele Erfolge sie vorweisen können. Wir brauchen eine neue Frauenbewegung“, resümiert sie deshalb. Eine Bewegung, die nicht wieder spaltet, sondern eint – Frauen untereinander und Frauen und Männer gleichermaßen. Wir brauchen beide Prinzipien, das männliche und das weibliche, um die Welt in Balance zu halten. Nur gemeinsam sind wir stark. Natürlich sind Männer und Frauen verschieden, aber dennoch gleichwertig. Komplementäre Ergänzung ist das Ziel.“
Wie wenig diese Ergänzung im Alltag anderer gilt, erfährt Helga Breuninger von den Unternehmensnachfolgerinnen, die sich bei ihr regelmäßig zum Jour fixe treffen. Frauen, die das Unternehmen übernehmen, weil der Vater leider nur Töchter“ hat, wie er sagt. Frauen, die mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kämpfen, mit Vorurteilen gegenüber ihren Management-Fähigkeiten und mit dem Neid anderer Frauen. Frauen, die dennoch oder gerade deshalb selbstbewusst sind und sich durchboxen. Genau jene Damen also, die Helga Breuninger an ihrer Seite wissen möchte, um eine neue Frauenbewegung voranzubringen.
Warum müssen es immer linke Emanzen sein, die etwas bewegen? Warum nicht gerade wir Unternehmerinnen? Wir haben das Geld, wir haben die Macht, wir haben die Möglichkeiten.“ Diese Unabhängigkeit ist es, die Helga Breuninger an ihrer Position zu schätzen weiß. Das Beratungsgeschäft läuft gut, alleine davon ließe sich leben, Erbe hin oder her. Deshalb bin ich glaubwürdig. Mir geht es um partizipative Führung, um die Mitgestaltung unserer Stadt.“ Die Helga“, wie sie von den Frauen genannt wird, weiß, von was sie spricht, weil sie über die Jahre nicht nur den widerspenstigen Buchstaben, sondern auch sich selbst auf die Spur gekommen ist.