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Eine Marke für sich: Silvana Koch-Mehrin

Koch-Mehrin

Silvana – das Gesicht

Von Hendrik Kafsack



22. Dezember 2008 Sie will nicht in den Bundestag, sagt sie. Sie hat auch keinen „Masterplan“, in zehn Jahren in der Regierung zu sitzen. „Ich habe nie an den Gittern zum Kanzleramt gerüttelt und ‚Ich will hier rein‘ gerufen“, sagt sie. Und: „Haallooo“ – so wie man heutzutage eben „Hallo“ sagt, wenn man eigentlich „Glauben sie wirklich, dass...“ oder „Denken Sie doch mal ernsthaft nach“, sagen will. Also: „Haallooo, es war nur ein Scherz, als ich im ,Focus‘-Interview gesagt habe, dass ich gern mal im Schloss Bellevue wohnen würde.“ Erste Bundespräsidentin will Silvana Koch-Mehrin somit doch nicht werden. Nur, wer soll ihr das glauben? Kein Masterplan, von jemandem, der wie der personifizierte Masterplan wirkt? „Nein, ich will nicht in den Bundestag.“ Gilt das nur für die nächste Europa-Wahl im Juni 2009 oder auch für die übernächste? Oder wird Koch-Mehrin dann das „Geschwätz von gestern“ beschwören, das ohnehin keinen schert – und sich gen Berlin orientieren? Pragmatismus wäre das dann wohl.

„Man wirft unserer Generation ja gerne vor, dass wir zu pragmatisch sind“, sagt Koch-Mehrin, und man merkt ihr an, dass sie stolz auf diesen Pragmatismus ist. Idealismus ist unproduktiv. „Idealismus bringt einen nicht weiter“, sagt die 38-Jährige. Vielleicht lernt man das, wenn man einen Teil der Kindheit in Afrika verbringt, „Armut gesehen“ hat. In ihrer Jugend, als sie in Köln zur Schule ging, hat sie Flüchtlingsfamilien im steten Kampf mit den deutschen Gesetzen geholfen. „Das hat mir gezeigt, wie absurd manche Regeln in Deutschland sind.“ Alles andere als pragmatisch eben.

Nur die CDU hat sie sich nie angeschaut

Als sie sich zum Studienbeginn in Hamburg politisch engagieren wollte, ging Koch-Mehrin zu den Grünen, zur SPD und zur FDP. Nur die CDU hat sie sich gar nicht angeschaut. „Zu viel Kohl in der Jugend“, sagt sie heute. Bei den Grünen störte sie die Selbstkasteiung, der Idealismus, bei der SPD die Bevormundung. Die FDP passte. „Nicht die Familie, die Umwelt oder die Gemeinschaft ist der Maßstab, sondern der Einzelne.“ Das ist die Linie Koch-Mehrins. Das ist die Linie der FDP. Außerdem war der Vater ein Liberaler.

Der politische Aufstieg musste warten. Sie war mal etwas mehr, mal etwas weniger aktiv, studierte Volkswirtschaft und Geschichte, ging für ein Jahr nach Straßburg und wechselte dann nach Heidelberg. Nur im letzten Studienjahr war sie stellvertretende Bundesvorsitzende und Pressesprecherin der Jungen Liberalen. Es folgten die Promotion über die „Lateinische Münz-Union von 1865 bis 1927“ und der Wechsel nach Brüssel, wo sie gemeinsam mit einem ehemaligen EU-Abgeordneten der Grünen eine Lobbyagentur gründete.

Ernsthaft Politik hat sie erst dort wieder betrieben, in der Auslandsgruppe der FDP. Als sie 1999 mit Ende 20 Vorsitzende der 150 Mitglieder zählenden, politisch nicht sehr wichtigen Gruppe wurde, bedeutete das auch den automatischen Einzug in den FDP-Bundesvorstand – und die Entdeckung durch Guido Westerwelle. Der wollte die „Powerfrau“ gleich zur Generalsekretärin machen und machte sie dann vier Jahre später zum europäischen Gesicht der FDP: blonde Haare, blaue Augen, Blazer, weißes Hemd und Brillant-Ohrring. Das kann man neben Angela Merkel, Gerhard Schröder und Joschka Fischer kleben. „Es war ein kalkulierter Schritt von Westerwelle, nicht einen Mann Mitte 50 aufzustellen und einen personenbezogenen Wahlkampf zu führen“, sagt Koch-Mehrin. Das sollte überraschen. Also klebte die FDP im Europawahlkampf 2004 ihr Gesicht neben Merkel, Schröder und Fischer und zog nach zehn Jahren Pause wieder ins Europäische Parlament in Straßburg ein.

Koch-Mehrin repräsentiert die Partei und präsentiert sich

Sie ist Gesicht geblieben. Während andere EU-Abgeordnete in Brüssel und Straßburg Berichte schreiben, Debatten führen und politische Positionen festlegen, repräsentiert Koch-Mehrin die Partei und präsentiert sich. Sie erzählt der „Zeit“, dass sie einst Großwildjägerin in Afrika werden wollte, kämpft in der „Welt“ „fassungslos“ für die Freiheit des damals in der Türkei seit sieben Monaten inhaftierten Marco, erzählt der „Vanity Fair“, dass sie Marge Simpson bewundert, schimpft in der Zeitschrift „Bunte“ über die „Straps-Burg“ Straßburg, wo die EU-Abgeordneten „machen, was sie wollen“, insbesondere mit Prostituierten, geht zum „Ladies Lunch“ in Köln, lässt ihren Baby-Bauch ablichten, erzählt, dass Kinder der größte Schatz des Lebens sind, dass ihr Freund James Candon und sie sich Kindererziehung und Haushalt teilen, dass ihre drei Mädchen aus dem Grund kein Karrierehindernis sind und dass sie ohne Trauschein glücklich ist.

Die Höhe ihrer Diäten steht in der „Bild“-Zeitung (7009 Euro im Monat). Jeder weiß, dass sie nicht nur Yoga macht, sondern Kick-Boxen ein Hobby von Silvana Koch-Mehrin ist. Die philosophische Dimension des Boxens hat Candon ihr nahegebracht. „Einer will gewinnen, beide sind optimal vorbereitet, und es geht nicht darum, nett zueinander zu sein“, skizziert sie. Eben wie in der Politik, an der sie die „Ehrlichkeit“ liebt, die „menschlichen Prozesse“, dass sie „die Menschen bis auf den Kern entblößt“. Ernsthaft gekämpft hat sie dennoch nie. Die Nase ist ungebrochen – und eigentlich hat sie auch gar keine Zeit mehr fürs Boxen.

Alles, was man nicht über Koch-Mehrin weiß, kann man in ihrer „Streitschrift für einen neuen Feminismus“ nachlesen, die eigentlich auch nur eine Streitschrift für Koch-Mehrin ist. Nur, wofür Koch-Mehrin politisch inhaltlich steht, ist jenseits der Ablehnung der Selbstkasteiung und des klaren Bekenntnisses zum „Einzelnen“ schwer zu sagen. Berichte, auf denen die Arbeit des Europäischen Parlaments fußt, hat sie seit der Europa-Wahl 2004 nicht übernommen. Wortmeldungen im Plenum sind selten. Da sind andere Europaabgeordnete sehr viel produktiver.

Eine „Klatschspalten-Abgeordnete“?

Auch deshalb hat Koch-Mehrin nicht nur Freunde in Brüssel und Straßburg. Selbst in der eigenen Fraktion lästert mancher über die „Klatschspalten-Abgeordnete“. Koch-Mehrin ficht die kaum versteckte Kritik nicht an: „Die sind nur eifersüchtig, weil sie nach teilweise 30 Jahre inhaltlicher Arbeit im Europaparlament nicht wahrgenommen werden.“ Und: „Was ist schon ein Bericht wert, der sowieso außerhalb von Brüssel nicht wahrgenommen wird.“ Die wahren Entscheidungen werden nach wie vor in den Hauptstädten getroffen, weiß die erklärte Europäerin. Um zu glauben, dass das EU-Parlament, das sie einmal das am meisten unterschätzte nannte, tatsächlich mitreden könne, bedürfe es einiger Autosuggestion, sagt sie heute spöttisch. Deshalb orientiert sich Koch-Mehrin, wenn überhaupt, nach Berlin. Durch sachliche, inhaltliche Arbeit aber zieht dort auch eine Powerfrau keine Aufmerksamkeit auf sich. Das hat sie schnell begriffen. Wer kennt schon ihren Kollegen Wolfgang Klinz, der sich seit Jahren mit den Finanzsystemen der Welt beschäftigt und trotz der aktuellen Krise in der öffentlichen Wahrnehmung ein „Niemand“ ist.

Koch-Mehrin ist jemand. Sie werkelt nicht im Verborgenen. Sie ist auf der Titelseite. Und wenn sie dort mit ihrer Kampagne gegen den Parlamentssitz Straßburg nicht landet, dann zumindest mit ihrem Baby-Bauch. Das ist in ihrem Sinne, aber auch im Sinne der Partei, wird Koch-Mehrin nicht müde zu betonen. „Wir sind eine kleine Partei, die vor dieser Legislaturperiode zehn Jahre lang nicht im Parlament war“, sagt sie. „Wir müssen also dafür sorgen, dass wir in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Das ist mein Job.“ Der Job eines Politikers eben in einer Mediendemokratie. „Alle machen das so“, sagt sie. „Jeder ist in der ,Bunten‘: von Seehofer bis Steinmeier.“ Die Grenze ist, „wo es keinen politischen Inhalt mehr gibt“. Aber in der EU sind die Grenzen ja inzwischen bekanntlich offen. „Was zählt, sind Statements in 2000 Zeichen oder anderthalb Minuten“, sagt Koch-Mehrin. „Es darf halt jeder ab 18 wählen, nicht nur F.A.Z.-Leser.“ Und „jeder ab 18“ liest „Bunte“, „Bild“, „Freundin“. „,Bild‘, ,Bams‘ und Glotze“, hieß das mal anderswo.

„Für die inhaltliche Arbeit in Brüssel und Straßburg sind andere in der FDP-Gruppe zuständig: Wolfgang Klinz eben, Alexander Alvaro oder Holger Krahmer“, sagt Koch-Mehrin. Sie selbst ist als stellvertretende Fraktionsvorsitzende allenfalls Generalistin. Sie ist nicht die Fachfrau für Finanzkrisen oder Pharmaprodukte. Sie ist die FDP. So sehr, dass die FDP sie nun gemeinsam mit einer Werbeagentur zu einer eigenen Marke machen will. „Silvana“ soll die schlicht heißen und die Europa-Wahl im kommenden Jahr gewinnen. So ist Politik in der FDP-Post-Spaßgeneration. „Das kann man gut oder schlecht finden, aber es ist halt so“, sagt die Person Silvana. Wie sie es findet? „Weder noch“. Es ist ohnehin nicht zu ändern, also muss man – muss sie – damit leben. „Ich bin da ganz pragmatisch.“ Und wenn die Marke Silvana irgendwann nicht mehr zieht? Dann hört sie auf mit der Politik. „Ich war vorher ohne Politik sehr zufrieden und würde es auch künftig sein.“ Im Schloss Bellevue wäre sie es wohl auch, irgendwann. Da ist sie ganz pragmatisch.

(Lesen Sie auch Ich über mich: Silvana Koch-Mehrin)

Zur Person

  • Silvana Koch-Mehrin wurde am 17. November 1970 in Wuppertal geboren.
  • Sie studierte Volkswirtschaftslehre und Geschichte in Hamburg, Straßburg und Heidelberg.
  • Nach ihrer Promotion gründete sie in Brüssel eine Lobbyagentur. 2003 wurde sie von der FDP als Spitzenkandidatin für die Europa-Wahl im Juni 2004 aufgestellt. Seit dem Wiedereinzug der FDP ins EU-Parlament ist sie stellvertretende Vorsitzende der Fraktion der Liberalen.
  • Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten James Candon in Brüssel und hat drei Kinder.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, LAIF, obs, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
 
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