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Geld und Studium Bildung auf Pump Von Christoph Giesen
Hanns Becker hat einen Traum: Er will Filme drehen, er will Geschichten erzählen, und er will irgendwann einmal davon leben. Der erste Schritt dazu ist ein Studium, und das kostet eine Menge Geld. Von den Eltern bekommt er nichts. Anspruch auf staatliche Zuschüsse hat er im Moment auch nicht, denn er hat schon einmal ein Studium abgebrochen und muss deshalb erst mal die Zwischenprüfung bestehen, bevor er wieder Geld aus der Staatskasse bekommt. Bis vor kurzem hätten sich Studenten in einer solchen Situation einen Nebenjob suchen müssen. Heute helfen Banken weiter. Sie haben Studentenkredite als neues Geschäft entdeckt. Auch Hanns Becker* (Name von der Redaktion geändert) hat bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW-Bankengruppe einen Studienkredit aufgenommen. Drei Semester lang streckt ihm die staatseigene Bank 600 Euro pro Monat vor. In anderthalb Jahren wird er mit mehr als 10.000 Euro in den roten Zahlen stehen. Für ihn sei das dennoch der richtige Weg, glaubt Becker: "So habe ich alleine im ersten Semester sieben Leistungsscheine erworben, mit einem Nebenjob wäre das unmöglich gewesen." Schulden vermieden, Einkommen vertrödelt Bundesweit finanzieren inzwischen mehr als 100.000 Studenten in Deutschland ihr Studium auf Pump. Die neuen Bachelor-Studiengänge sind straff organisiert und verschulter als die Vorgänger Magister und Diplom. Vielen Studenten bleibt kaum Zeit, einer Nebentätigkeit nachzugehen. Und wer nebenher jobbt und im Studium trödelt, vermeidet zwar Schulden, verliert aber nach einer Berechnung der Stuttgarter Personalberatung Alma Mater je Extra-Semester rund 15.000 Euro. Geld, das durch ein zügiges Studium längst hätte verdient werden können. "Außerdem bekommt man heute in vielen Branchen nur einen Top-Job, wenn man neben sehr guten Noten und Auslandserfahrung ein in der Regelstudienzeit absolviertes Studium vorweisen kann", sagt Jürgen Bühler, Geschäftsführer von Alma Mater. Nebenjobs seien nur sinnvoll, wenn Berufserfahrung gesammelt werde. "Wenn ein angehender Ingenieur nebenher kellnert, hat das rein gar nichts mit seinen späteren Aufgaben zu tun", sagt Personalberater Bühler. Ein Studienkredit sei daher eine sinnvolle Möglichkeit, um rasch zu studieren, sagt er. Verbraucherschützer raten zur Vorsicht. "Das gesamte Studium sollte man auf keinen Fall per Kredit finanzieren", sagt Helga Springeneer, Finanzreferentin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin. Schnell könnten sich Schulden in Höhe von 30.000 bis 40.000 Euro anhäufen. "Bevor man einen Studienkredit abschließt, sollte man genau prüfen, ob man nicht Anspruch auf staatlichen Zuschuss hat oder ein Stipendium ergattern kann", sagt Springeneer. Sie geht davon aus, dass in den kommenden Jahren die ersten Studenten mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben werden, weil sie die Kredite nicht bedienen können. "Viele Studenten wollen nach dem Studienabschluss eine Familie gründen und planen die ersten großen Anschaffungen, da kann es zum Problem werden, Geld abstottern zu müssen", warnt Springeneer. Vollfinanzierung ist sehr selten Das Centrum Hochschulentwicklung (CHE) hat im vergangenen Jahr die Anbieter von Studienkrediten verglichen. "Viele Studenten nutzen die Kredite, um aufzustocken, eine Vollfinanzierung ist sehr selten", sagt Ulrich Müller, Projektleiter beim CHE. In vielen Fällen werde durch den Studienkredit das sogenannte "Mittelstandsloch" geschlossen, erklärt Müller. Während den Kindern von Geringverdienern durch staatliche Zuschüsse ein Hochschulstudium ermöglicht werden soll, liegen die Gehälter der Mittelschicht über den Fördergrenzen, sie müssen die Ausbildung ihres Nachwuchses selber zahlen. Laut einer Erhebung des Studentenwerks haben deutsche Studenten pro Monat durchschnittlich 770 Euro zur Verfügung, um Studiengebühren, Lebenshaltungskosten, das Telefon und auch das Bier am Wochenende zu bezahlen. Die Hälfte überweisen die Eltern. Rund ein Viertel verdienen sich die Studenten mit Nebenjobs, und bloß 14 Prozent sind staatlicher Zuschuss, geregelt nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög). Alle Angebote sind vertretbar, nur nicht für jeden Die Ergebnisse der CHE-Untersuchung sind versöhnlich: "Alle Angebote sind vertretbar, nur nicht für jeden", urteilt Müller. Abgesehen vom Angebot der schwedischen SEB-Bank, seien alle Offerten fair, man müsse sich nur die Vertragsbedingungen ansehen. Durchaus lohnen könnten sich regionale Angebote, die nur Studenten bestimmter Städte und Hochschulen zur Verfügung stehen, sagt Müller. Bundesweit bieten neben der staatlichen KfW die Deutsche Bank und die Dresdner Bank Studienkredite an. Die Deutsche Bank hat insgesamt 11 000 Studenten unter Vertrag. Je Monat können sich Studenten bis zu 800 Euro leihen, maximal fünf Jahre lang. Während der Auszahlungsphase betragen die effektiven Zinsen 5,9 Prozent. Die Tilgung des Kredits darf maximal zwölf Jahre dauern und beginnt spätestens ein Jahr nach der letzten Ratenzahlung. Dann steigt der Zins an, auf 8,9 Prozent. Bei der Dresdner Bank sieht es ähnlich aus: 5,9 Prozent Zinsen während der Auszahlungsphase, danach fordert die Dresdner Bank je nach Laufzeit Zinssätze zwischen 7,9 und 8,9 Prozent. "Unser Studienkredit ist so einfach wie ein Dispo-Kredit. Je Monat können bis 1500 Euro abgerufen werden", sagt eine Sprecherin der Dresdner Bank. Seit April 2006 bietet die KfW Studenten Kredite zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts an. Mit 31.000 abgeschlossenen Darlehen ist die Förderbank Marktführer in Deutschland. Hier sind die Sätze deutlich moderater als bei der privaten Konkurrenz. Gegenwärtig sind 6,39 Prozent für die gesamte Laufzeit fällig. Das ist ein großer Kostenvorteil während der langen Rückzahlung. Maximal können die Studenten 650 Euro pro Monat erhalten. Allerdings zieht die KfW in den ersten Semestern die Zinsen direkt ab, erst nach bestandener Zwischenprüfung kann umgestellt werden. Seit einer Gesetzesnovelle 2004 lassen sich die Kosten für das Erststudium - also auch die Studienkredite - nach dem Studium nicht von der Einkommensteuer absetzen. Kreditwürdigkeit neu definiert Vor der Einführung von Studienkrediten war für die meisten Studenten die kostspieligste Anschaffung das eigene Moped, eventuell ein Laptop oder der Gebrauchtwagen, nun vergeben die Banken Kredite von 30.000 bis 40.000 Euro an Kunden, die sie vorher als nicht kreditwürdig eingestuft hätten. "Unsere Ausfallrisiken sind auf Basis einer ausführlichen Risikoanalyse im Zinssatz eingepreist. Wir halten die Gruppe der Studierenden aber wegen des überdurchschnittlich hohen Einkommens von Akademikern und der nur unterdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit für ein gutes Risiko", sagt ein Sprecher der KfW. Bisher lehnte die Kreditabteilung nur 4 bis 5 Prozent der Förderwünsche ab. Wählerischer sind Bildungsfonds, eine Alternative zu den Studienkrediten. Bei einem der Anbieter, der Deutsche Bildung GmbH, werden nur rund 60 bis 70 Prozent der Anträge bewilligt. Im Gegensatz zu den Studienkrediten verpflichten sich die geförderten Studenten, einen bestimmten Prozentsatz ihres zukünftigen Lohns an den Fonds zurückzuzahlen. "Das hat den Vorteil, dass das Risiko für den Studenten überschaubar ist", sagt Frank Steinmetz, Geschäftsführer der Deutschen Bildung. Vor Förderungsbeginn wird vertraglich festgelegt, über wie viele Jahre wie viel Prozent des Salärs an den Fonds zurückfließen. "Wir errechnen das potentielle Gehalt des Studenten und stellen aufgrund dieser Prognose unsere Kalkulation auf", sagt Steinmetz. Nach dem Studium unterstützen die Humankapitalisten ihre Studenten bei der Arbeitsplatzsuche. "Das hilft beiden Seiten", sagt Steinmetz. Denn je besser der Job, desto höher sind die Rückzahlungen an den Bildungsfonds. "Wenn jemand direkt nach dem Studium einen Beraterposten bei einer Unternehmensberatung antritt, muss er vermutlich viel mehr zurückzahlen, als wenn er einen Studienkredit aufgenommen hätte", gibt CHE-Mitarbeiter Ulrich Müller zu bedenken. Nutznießer der höheren Rückzahlungen sind die Investoren. Bei der Deutschen Bildung können Privatanleger mit einer Mindestanlage von 10.000 Euro einsteigen. Die erwartete Rendite beträgt 6,3 Prozent jährlich. Zum Vergleich: Bundesanleihen mit zehn Jahren Restlaufzeit versprechen derzeit einen jährlichen Ertrag von rund 4 Prozent. Text: F.A.Z., 23.02.2008, Nr. 46 / Seite 23Bildmaterial: ddp |
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