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Politik und Privatleben

Auf die Barrikaden oder in die Bibliothek?

Von Anna Loll



Kein Massenprotest: Aktion gegen "Biosprit" an einer Kreuzberger Tankstelle
01. Mai 2008 
An diesem Donnerstag ist es wieder so weit. In der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg hängen schon plakatweise auf deutsch und türkisch die Aufrufe an Kioskeingängen und Hauswänden. „Auf zum revolutionären ersten Mai“ steht darauf, darunter ist ein Bild von zwei Demonstranten zu sehen – natürlich mit dem Palästinensertuch ausgestattet, das kürzlich sogar Paris Hilton höchstpersönlich zum wichtigen Modeaccessoire gekürt hat. Weder mit noch ohne den schwarz-weißen Schaal wird man allerdings Marcel Konnegen am Donnerstag unter den Demonstranten antreffen. Von der am ersten Mai üblichen Form des politischen Protests hält er herzlich wenig. „Politisch engagieren kann man sich auch anders“, sagt der Student des Master-Studiengangs Wirtschaftsinformatik an der Berliner Humboldt-Universität.

In eine Partei oder den Asta einzutreten, darüber hat Konnegen zwar schon einige Male nachgedacht. Allerdings findet er dazu keine Zeit. Richtiger: Er setzt seine Prioritäten anders, wie er selbst unumwunden zugibt. Das Studium sei schließlich anspruchsvoll, nebenbei noch ein funktionierendes Privatleben zu haben auch. Vor der Immatrikulation an der Humboldt-Universität arbeitete er als Software-Entwickler. Schon diese Tätigkeit hat er aus Zeitgründen aufgegeben. Jetzt will er sein Studium schnellstmöglich absolvieren. Dennoch bezeichnet sich der Achtundzwanzigjährige als politisch interessiert. Er verfolge die Nachrichten und diskutiere gern mit anderen über aktuelle Themen. Aber für das Aktivwerden reiche es einfach nicht aus.

Die große Mehrheit hat nur „mittleres Interesse

Damit ist Marcel Konnegen keine Ausnahme unter den deutschen Studenten. Nur eine Minderheit von 37 Prozent ist laut Zahlen des Studierendensurveys der Konstanzer AG Hochschulforschung zufolge noch stark am politischen Geschehen interessiert. 1983 waren es noch 55 Prozent. Dafür hat das mäßig ausgeprägte, das „mittlere“ Interesse zugenommen. 2007 verfolgten 11 Prozent mehr als 24 Jahre zuvor „teilweise“ die politischen Ereignisse. Doch auch das absolute politische Desinteresse ist angestiegen, von 4 auf 10 Prozent. Sind die Studenten also heute weniger politisch als früher?

Mehr Pragmatismus und deutlich weniger Idealismus als ihren Vorgängern hat jedenfalls kürzlich der Berliner Historiker Götz Aly den Studenten von heute bescheinigt. Aly selbst war aktiv in der Studentenbewegung von 1968. Man habe damals viel „herumrevolutioniert“ und relativ wenig studiert, sagt er – das glauben sich viele Studenten 40 Jahre später nicht mehr leisten zu können. Studenten seien inzwischen mehr zur Anpassung bereit, findet etwa Florian Hillebrand, Vorstandsmitglied des Freien Zusammenschlusses der Studentenschaften. „Früher war es einfacher, idealistisch zu sein“, vermutet er. Wolle man in Zeiten des erhöhten Drucks ein gutes – und das heißt eben auch schnelles – Studium vorweisen, bleibe für Veränderungswillen eben nicht sonderlich viel Kraft übrig.

Für den Welthunger keine Zeit

Eine neue Welle der Veränderung starten zu wollen, sei deswegen schwierig geworden. Dies sehe man auch an den Themen, denen sich die Studentenvertretungen heute widmeten. Die Handlungsfelder reichten über interne politische Themen selten hinaus. Die Einführung des Semestertickets, die Ausgestaltung der Bachelor- und Masterstudiengänge, das Eintreten für oder gegen einen neuen Hörsaal, das ist seiner Erfahrung nach meist das Höchste des politischen Engagements. „Den Hunger in der Welt zu bekämpfen, das ist nicht mehr der Maßstab“, sagt der 25 Jahre alte Informatikstudent der RWTH Aachen. Nichtsdestoweniger gebe es noch viele, die sich engagierten. Wenn auch nicht wie damals zu den Zeiten der Studentenrevolten besonders durch auffällige Protestaktionen. Meinungsbildung finde eher in Gesprächen zwischen den Kommilitonen statt. „Es ist eine persönlichere Schiene“, sagt Hillebrand.

Denn Engagement im großen Stil kostet Zeit. Und es macht sich nicht unbedingt gut im Lebenslauf, im zehnten Semester immer noch nicht das Bachelor-Studium abgeschlossen zu haben. René, der mit Nachnamen passenderweise Held heißt, hat sich davon nicht schrecken lassen. Für ihn sei es nie in Frage gekommen, sich nicht zu engagieren, berichtet der Student der Sozialwissenschaften. Deshalb ist er in den Referentenrat der Humboldt-Universität eingetreten, außerdem ist er Bundesgeschäftsführer des Aktionsbündnisses gegen Studiengebühren. 30 Jahre alt ist er heute – und richtig, das Bachelor-Studium hat er noch nicht abgeschlossen. „Solidarität ist mir sehr wichtig. Ich kann gerade für mich und für andere etwas tun. Also mache ich das auch“, begründet er seine Entscheidung.

Der Nutzwert des Engagements

Er selbst hat erlebt, was es bedeutet, eine Chance zu bekommen. Für den gelernten Rohrleitungsbauer war das Hochschulstudium keine Selbstverständlichkeit, die naturgemäß nach der Schule kommt. Dass sein Quereinstieg nach der Ausbildung an die Hochschule möglich gewesen sei, habe er Menschen zu verdanken, die vorhandene Strukturen kritisch hinterfragt und verändert haben. Dasselbe heute für andere genauso tun zu wollen, ist seine Motivation. „Lebenswege sollten nicht schematisiert werden“, sagt er. Genau diese Gefahr aber sieht er derzeit wachsen wegen der Verschulung, die mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge einhergehe. „Man muss immer mehr nachweisen können, dass man im Trott ist.“ Dies mit seiner überlangen Studienzeit nicht zu sein, nimmt René Held in Kauf.

Dass andere oft mehr darauf bedacht sind, einfach gut und schnell zu studieren, kann Held aber akzeptieren: „Jedem das Seine“, formuliert er seine Haltung in dieser Frage. Mangelnde Zeit aber lässt er als Entschuldigung nicht gelten. „Die Leute, denen es wichtig ist, schaufeln sich dafür die notwendige Zeit frei – früher wie heute.“ Selbst 1968 sei nicht jeder zu zwei Plenarsitzungen in der Woche gegangen. Ähnlich sei es heute. Es gebe an der Humboldt-Universität jedenfalls keine Probleme, Stellen im Referentenrat zu besetzten. Nicht alle trieben dabei allerdings ihre sozialen Ideale an. Soziales und politisches Engagement sei schließlich auch ein Weg, um ein persönliches Netzwerk aufzubauen. Und den Lebenslauf poliere es auch auf.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
 
 
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