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Forschung

Die Umkehrung des humboldtschen Ideals

Von Anna Loll



Aus dem Hause Fraunhofer stammt die Spezialbrille zur Visualisierung virtueller Realitäten.
28. November 2006 
Die Idee hörte sich so gut an: Die Universität Karlsruhe und das Energieforschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft wollten zum „Karlsruhe Institute of Technology“ (KIT) verschmelzen. Man sprach davon, die Zwei-Klassen-Wissenschaft zu überwinden, in der deutsche Forscher leben. Die Anlehnung war deutlich: Mit einem „K“ statt dem „M“ im Namen dem amerikanischen „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT) Konkurrenz zu machen, das weltweit als eines der führenden Einrichtungen für naturwissenschaftliche Lehre und Forschung gilt. Den Juroren der Exzellenzinitiative im Wettbewerb der Hochschulen gefiel das Projekt sogar so sehr, daß sie Karlsruhe unter anderem deswegen zur Eliteuniversität kürten. Doch leicht geplant, schwer getan. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) erteilte dem ursprünglichen Projekt des KIT zuletzt eine Absage: Kooperation ja, aber ohne die bestehende Grenzen zwischen Universitäten und außeruniversitärem Forschungsinstitut zu überschreiten.

90 Prozent der Finanzierung aus Steuermitteln

„Was wir heute mit der fragmentierten Forschungslandschaft haben, ist eine Umkehrung des humboldtschen Ideals“, sagt Rüdiger vom Bruch, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit einer Einheit von Lehre und Forschung, für das Deutschlands Hochschulwesen vor den Weltkriegen berühmt war und mit der man sich auch heute auch noch gerne brüstet, hat die Trennung von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und universitärer Forschung wenig zu tun.

Heute fließt ein Großteil der öffentlichen Mittel für die Wissenschaftsförderung in die außeruniversitären Einrichtungen, die sich nur der Forschung widmen. Der Etat der Max-Planck-Gesellschaft und die Helmholtz-Gemeinschaft besteht zu 90 Prozent aus Steuererträgen, nur die Fraunhofer-Gesellschaft bezieht ihre Mittel überwiegend aus privaten Quellen, in der Regel aus der Wirtschaft.

„Neid auf die Kollegen“

Insgesamt hat die öffentliche Hand in Deutschland für die außeruniversitären Institute 13,1 Milliarden Euro ausgegeben, die Universitäten und Hochschulkliniken haben 18,6 Milliarden Euro erhalten. Während die Institute der Max-Planck-Gesellschaft oder der Helmholtz-Gemeinschaft Wissenschaftlern hohe Gehälter und gut ausgestattete Labore bieten können, kämpfen die Hochschulen mit chronischer Unterfinanzierung. Denn den Hochschuleinrichtungen, die neben der Forschung auch der Lehre verpflichtet sind, reicht das Geld bei weitem nicht.

Überfüllte Seminarräume, zu wenig Studienplätze und fehlende Mittel für Forschungsprojekte gehören zum Uni-Alltag wie internationale Spitzenforscher zu den separaten Forschungsinstituten. Rüdiger vom Bruch kann aus eigener Erfahrung von der Diskrepanz der Arbeitsbedingungen berichten. „Man schaut schon mit einem gewissen Neid auf die Kollegen von den außeruniversitären Forschungseinrichtungen“, sagt der Historiker.

So wird die Diskussion um das KIT und die institutionellen Grenzen paradigmatisch für die Grundprobleme der deutschen Wissenschaftslandschaft. In Deutschlands Forschung werden Finanzierungsquellen geteilt und damit auch die Chancen, eine viel versprechende Position im internationalen Wettbewerb zu gewinnen. Und dabei ist das genau das Ziel.

Das Bundesforschungsministerium selbst gibt im Eckpunktepapier zum KIT an, reformieren zu wollen: „Mit dem Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Forschungseinrichtungen und Universitäten weiter zu stärken, strebt die Bundesregierung eine grundlegende Modernisierung des deutschen Wissenschaftssystems an.“ Vor allem wissenschaftshemmende Grenzen innerhalb der deutschen Forschungslandschaft wolle man beseitigen und internationale Wettbewerbsfähigkeit mit den führenden Einrichtungen der Welt erreichen.

„Forschung nicht gegen Lehre ausspielen“

Aber ganz so grundlegend wie verkündet, wollen die entscheidenden Akteure letztlich nicht vorgehen. Zwar verkündet Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz selbstbewußt: „Die Hochschulen sind der Kern des Wissenschaftssystems, weil sie Lehre und Forschung verbinden.“ Den außeruniversitären Forschungsinstituten käme aufgrund ihres speziellen Auftrages eher eine ergänzende Funktion in der deutschen Forschungslandschaft zu. Da die Universitäten eindeutig schlechter ausgestattet seien, müsse Kooperation verstärkt gefördert werden. An den institutionellen Grundfesten will auch sie nicht rütteln. Nur eines dürfe nicht passieren: „Man darf Forschung nicht gegen Lehre ausspielen.“

Noch vorsichtiger ist Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft und ehemaliger Präsident der Berliner Humboldt-Universität, vergangenen Freitag auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. „Man sollte sich nicht die Frage nach einer institutionellen Verschiebung stellen, sondern auf dem aufbauen, was schon da ist“, sagt er. Anstatt immer nur in die Vereinigten Staaten zu blicken, sei es besser, sich auf die Stärken des eigenen Systems zu konzentrieren und diese ausbauen. Der immer wieder vorgenommene Vergleich zu den amerikanischen Eliteuniversitäten sei schon allein aufgrund der völlig anderen finanziellen Rahmenbedingungen nicht zulässig. Die Universität Stanford kann beispielsweise auf ein Budget von 2,2 Milliarden Dollar im Jahr zugreifen. Das ist zehnmal mehr als die finanzstärkste deutsche Universität zur Verfügung hat. Doch nicht einmal rund 30 Prozent stammen von der öffentlichen Hand, der Löwenanteil kommt von privaten Spendern. Gerade solche Sponsoren gebe es in Deutschland einfach zur Zeit nicht, betont Mlynek.

Fehlende kulturelle Affinität

Hans Weiler, emeritierter Professor für Erziehung und politische Wissenschaft an der amerikanischen Stanford Universität, dagegen bezweifelt, daß so eine Haltung für den internationalen Wettbewerb ausreicht. „Wenn man Spitzenforschung will, dann muß sie auch den Hochschulen gehören. Die Trennung zwischen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und den Universitäten in Deutschland ist einfach suboptimal“, sagt Weiler. Die Eingliederung von außeruniversitären Forschungsinstituten sei keine Unmöglichkeit und auch notwendig, wenn man die amerikanischen Spitzenuniversitäten betrachte. „Wenn man sich schon vergleicht, dann mit den besten“, sagt er. Weiler sieht dabei das Hauptproblem der Kooperation nicht in den finanziellen Problemen, sondern in der fehlenden Bereitschaft der Akteure: „Es ist eine kulturelle Affinität, die hier fehlt. Es herrschen mentale Blockaden, die die Zusammenarbeit erschweren.“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
 
 
   
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