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Studium in Istanbul Eine Lösung, aber kein Plan Von Dorte Huneke
Absehbar ist im türkischen Alltag eigentlich nur, dass ein Tag kaum jemals so verläuft, wie eine deutsche Seele sich das in den frühen Morgenstunden so ausmalt. "Es kommt entweder besser oder schlechter - aber selten so, wie man es erwartet", sagt Barbara Schindler. Die 25 Jahre alte Erasmus-Stipendiatin lebt seit September vergangenen Jahres in Istanbul. "Die Türken sind Meister darin zu improvisieren. Es gibt immer eine Lösung, egal, was kommt. Nur einen Plan gibt es selten." Als Schindler vor anderthalb Jahren beschloss, nach Istanbul zu gehen, hatte sie einen festen Plan: "Ich wollte eine neue Sprache lernen. Und zwar eine, die ich in meinem beruflichen Alltag auch anwenden kann." Den Studiengang Europalehramt an der Universität Freiburg hatte sie abgeschlossen, und an der Humboldt-Universität zu Berlin war sie für den Masterstudiengang Deutsch als Fremdsprache aufgenommen worden. Zu den Anforderungen des Aufbaustudiengangs gehört ein halbjähriges Praktikum an einer deutschen Schule im Ausland.
Was also lag angesichts der rund drei 3 Millionen Türkischstämmigen in Deutschland näher, als Türkisch zu lernen? "Aber wenn das mal so einfach wäre." In Berlin hatte Schindler bereits einen Türkischkurs absolviert. In Istanbul besucht sie Kurse an einer Sprachschule. "Es ist manchmal doch frustrierend, wie langsam man Fortschritte macht." In der Regel sagt man, dauert es mindestens ein Jahr, um einigermaßen sprechen zu können. Privatvorlesung auf Englisch Wobei den Deutschen an den Sprachschulen ein guter Ruf vorauseilt: in den Türkischkursen sind sie oft Spitzenreiter. Im Türkischen zäumt man den Gaul sozusagen von hinten auf: Es ist eine agglutinierende Sprache, das heißt, wie im Finnischen werden Personalpronomen, Modi und Tempi durch Suffixe ausgedrückt. Ein mehrsilbiges Verb in konjugierter Form kommt mitunter auf zehn Silben. Angenehm ist jedoch, dass die Worte so ausgesprochen werden, wie man sie schreibt. Und wer ein bisschen Französisch spricht, hat Glück beim Vokabellernen: kuaför, röportaj, enerji, pil oder asansör sind - einmal laut ausgesprochen - schnell verstanden.
Wer ein Auslandssemester plant, sollte sich erkundigen, mit welcher türkischen Universität die heimatliche Alma Mater ein Partnerschaftsabkommen hat. Die meisten Austauschprogramme wurden erst vor wenigen Jahren eingerichtet. Neben sieben staatlichen Hochschulen gibt es ein Dutzend private Gründungen. Wobei die Qualität sehr unterschiedlich ist. Über das Lehrangebot der jeweiligen Hochschule informiert man sich am besten bei ehemaligen Austauschstudenten. Kontakte vermitteln die Erasmus-Koordinatoren und die Ansprechpartner der Stiftungen. In der Regel gilt aber: nicht alles kommt so, wie man es erwartet. "In Deutschland hatte man uns versichert, es gäbe Veranstaltungen auf Englisch", klagt Ursula Enge. Die 23 Jahre alte Jura-Studentin von der Universität Trier kam ebenfalls im September über ein Erasmus-Stipendium nach Istanbul. "Aber das stimmt gar nicht! Alles findet auf Türkisch statt." An der Kültür Universität wurde jedoch kurzerhand eine Lösung für sie und eine weitere Kommilitonin gefunden: "Ein Professor hielt für uns eine Privatvorlesung auf Englisch. Das war sehr nett." An Hilfsbereitschaft mangelt es nicht. Im Gegenteil. "Man wird als Ausländer noch sehr viel herzlicher aufgenommen als man das erwartet." Vom Uni-Alltag hat Enge auf diese Weise allerdings wenig mitbekommen. "In einer türkischen Vorlesung verstehe ich, wenn ich Glück habe, über welches Thema in etwa gesprochen wird." Wechselnder Tandem-Lernpartner Einmal die Woche trifft sie sich mit ihrem Tandem-Lernpartner. "Man muss allerdings aufpassen, dass dieses nicht als Rendezvous missverstanden wird." Die blonde Juristin musste ihre Lernpartner bereits zweimal wechseln. An den Unis und im Stadtzentrum gilt zwar nicht wie im traditionellen Milieu eine strikte Trennung der Lebensbereiche von Frauen und Männern. "Es scheint jedoch insgesamt ein anderes Verhältnis zwischen Männern und Frauen zu herrschen als bei uns", sagt die Studentin. Das Straßenbild ist fast überall deutlich von Männern bestimmt. Hingegen sind Frauen an den Universitäten und auf fast allen höheren beruflichen Ebenen gut vertreten: Nahezu jeder fünfte Arzt oder Rechtsanwalt ist eine Frau, jeder zweite Programmierer ist weiblich, und der prozentuale Anteil von Frauen auf Professorenebene liegt mit 30 Prozent doppelt so hoch wie der in Deutschland. Das Tragen von Kopftüchern ist in allen öffentlichen Gebäuden der Türkei verboten. Ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland sind die deutlich kürzeren Ausbildungswege in vielen Fachbereichen. In der Regel beginnen die türkischen Studierenden ihr Studium mit 18 Jahren. Wer einen Bachelor-Studiengang absolviert, tritt drei Jahre später bereits ins Berufsleben ein. "Ich habe in einer Istanbuler Anwaltskanzlei eine 22 Jahre alte fertige türkische Rechtsanwältin getroffen", sagt Ursula Enge. Sie selbst wird in Deutschland noch mindestens vier Jahre brauchen, um mit ein bisschen Glück da zu sein, wo die türkische Rechtsanwältin jetzt schon ist. Morgens manchmal ein Spießrutenlauf Insgesamt hatte Enge sich das Leben am Bosporus zunächst sehr viel traditioneller vorgestellt. "Die Stadt ist aber enorm facettenreich und vor allem im Zentrum extrem modern und weltstädtisch." Die Parallelwelten liegen dicht an dicht. "Ich stehe morgens im Orient auf, steige in ein Sammeltaxi und zwanzig Minuten später bin ich in einer modernen Metropole", sagt Barbara Schindler. Zusammen mit einer im Schwarzwald geborenen Deutschtürkin teilt sie sich eine 80-Quadratmeter-Wohnung im Istanbuler Stadtteil Findikzade. Für ihr Zimmer zahlt sie umgerechnet 165 Euro. "Allerdings liegt Findikzade in einer eher traditionellen Gegend. Nicht weit von Fatih entfernt. Als Westeuropäerin wird man dort häufig schräg angeguckt. Ich habe mich zwar daran gewöhnt, Blickkontakte zu meiden und meine Ohren auf Durchzug zu stellen, wenn ich morgens aus dem Haus gehe. Aber es ist manchmal schon ein ziemlicher Spießrutenlauf." Dafür ist es günstig, auch was die Lage betrifft. Denn die Wohnung liegt genau zwischen dem Campus der staatlichen Istanbul Universität und dem Avrupa Koleji, der Schule, an der Barbara Schindler bis Juni ein Praktikum im Bereich Deutsch als Fremdsprache macht. "Ich hatte Glück, dass ich ein bezahltes Praktikum bekommen habe." Außerdem erhält sie für ein Semester 1000 Euro von der Erasmus-Stiftung. Das Europa-Kolleg ist eine private Bildungseinrichtung im Stadtteil Zeytinburnu und bietet eine zweisprachige, bikulturelle Erziehung vom Kindergarten bis zur 10. Klasse. Erste Fremdsprache ist Deutsch. Zur Zeit unterrichtet Schindler eine Gruppe von Zehnjährigen und gibt zudem vier Deutschkurse für Mütter: "Sie wollen Deutsch lernen, um ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen." Barbara Schindler selbst arbeitet, um ihr Türkisch aufzubessern, drei Tage die Woche in einem Buchladen-Café. Ihre ursprüngliche Idee, innerhalb eines Semesters Türkisch zu lernen, musste sie aufgeben. Dafür hat sie ihr Herz an die 15-Millionen-Metropole verloren und ihren Aufenthalt kurzentschlossen um ein weiteres halbes Jahr verlängert. 2008 wird sie sich in Berlin um einen Referendariatsplatz bewerben. Patientengespräch auf Türkisch "Wenn ich ausschließlich hergekommen wäre, um für mein Studium in Deutschland Punkte zu sammeln, wäre ich wohl eher frustriert", sagt Philipp Lindauer. Der 26 Jahre alte Medizinstudent aus Tübingen kam Ende August 2006 über ein Stipendium der Landesstiftung Baden-Württemberg an die Medizinische Fakultät Cerrahpassa der Istanbul Universität. Obwohl er in einem englischsprachigen Studiengang eingeschrieben ist, finden nur etwa 60 Prozent der Veranstaltungen auf Englisch statt. Um die einzelnen Kurse hineinzukommen, müssen zudem Anträge geschrieben werden - auf Türkisch. "Das scheint zunächst kaum zu bewältigen zu sein. Aber es gibt immer jemanden, der hilft", sagt Lindauer. "Die Hilfsbereitschaft der Menschen hier ist einfach unfassbar. An meinem ersten Tag lief eine türkische Studentin vier Stunden lang mit mir über den Campus, bis ich alle Unterlagen beisammen hatte." In die Türkei kam der angehende Arzt mit einem konkreten Ziel vor Augen: "In meiner beruflichen Praxis werde ich in Deutschland häufig mit türkischen Patienten zu tun haben", erklärt Lindauer. Die fremde Sprache will er zumindest so weit beherrschen, dass er ein Patientengespräch auf Türkisch führen kann. "Es ist auch eine Form von Respekt, die man dem Patienten entgegenbringt." Schon ein kurzes "Geçmis olsun!", "Gute Besserung!", zaubert häufig ein Lächeln auf die Gesichter türkischer Patienten. "Es wäre schön, wenn es auch bei uns spezielle Türkischkurse für Mediziner gäbe." Text: F.A.Z., 12.05.2007, Nr. 110 / Seite C6Bildmaterial: privat
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