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Mathematikjahr 2008

Rechnen lohnt sich

Von Sebastian Balzter



Mathematikstudium: Verdienstaussichten toll, Image angestaubt
05. Januar 2008 
Knallrot ist sein Gesicht, seine Augen glimmen tückisch hinter einer Nickelbrille, seine Wutausbrüche sind notorisch: „Der Zahlenteufel“ in Kniebundhosen ist erst auf den zweiten Blick ein Sympathieträger. Trotzdem hat ihn Hans Magnus Enzensberger zur Titelfigur seines Buches für Kinder und Erwachsene gemacht, denen Zahlen, Formeln und Logik Angst machen. Einer von ihnen ist Robert, dem der Teufel in zwölf Traumlektionen zeigt, dass Mathematik spannender sein kann als die Textaufgaben seines verschnarchten Lehrers Dr. Bockel. Das Gleiche will Günter M. Ziegler nun ganz Deutschland klarmachen. Verglichen mit Enzensbergers Zahlenteufel, sind die äußerlichen Voraussetzungen des jung gebliebenen Mittvierzigers dafür nicht übel: Er trägt T-Shirt, eine Kurzhaarfrisur und im rechten Ohr einen Ring. Außerdem hat er noch satte 360 Tage Zeit für seine Aufgabe, bis zum Ende des vom Bildungsministerium ausgerufenen Mathematikjahres 2008. Ziegler, Professor an der Technischen Universität Berlin und Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, ist der offizielle Koordinator dieses „Jahres der Mathematik“ – Deutschlands oberster Zahlenteufel sozusagen.

Bis zu 70.000 Euro als Einstieg

Als er selbst 1981 sein Abitur machte, berichtet Ziegler, habe es für Mathematiker eigentlich nur an der Uni, in der Schule und bei den Versicherungen Jobs gegeben. Besonders aufregend seien diese Perspektiven nicht gewesen. „Das hat sich grundlegend geändert. Heute gibt es ein buntes Spektrum von Einsatzmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt – und sehr, sehr viel Geld zu verdienen.“ Diplomierte können mit einem Einstiegsgehalt von 40.000 Euro rechnen, Promovierte je nach Branche mit 50.000 bis 70.000 Euro. Selbst sechsstellige Gehälter für Berufsanfänger sind in manchen Fällen drin. Gerade ist einer von Zieglers Doktoranden von der Münchener Rück angeworben worden; dort sind ein Fünftel aller Akademiker Mathematiker. Unter anderem berechnen sie Risiken und Prämien und analysieren die demographische Entwicklung – denn in ihr stecken die für Lebensversicherungen entscheidenden Daten. Derselbe Doktorand hatte zum Berufseinstieg neun weitere Offerten. Offenbar kein Einzelfall. „Die arbeitslosen Mathematiker in Deutschland passen in einen Bus“, sagt Ziegler.

Er selbst erklärt diese Entwicklung so: „Was früher Theorie war, wird heute angewandt. Die Welt ist technischer und komplizierter geworden. Da braucht man Spezialisten für Technisches und Kompliziertes – Mathematiker eben.“ Wer sich etwa im Seminar über Primzahlen unterhält, wird vielleicht einmal Verschlüsselungsspezialist bei einem Internetprovider. Und was als Stochastik im Vorlesungsverzeichnis steht, taucht später vielleicht in der Finanzmathematik wieder auf.

Von der Sprungschätzung zur Bank

Der Zentrale Grenzwertsatz zum Beispiel. „Er besagt, dass die normierte Summe einer großen Zahl von unabhängigen, gleichartigen Zufallsvariablen näherungsweise normalverteilt ist“, steht dazu dazu im Lehrbuch. „Das lernt man schon im Grundstudium“, sagt Leif Boysen lapidar. Er ist 30 Jahre alt und hat in Göttingen Mathematik studiert. Seine Dissertation trägt den hübschen Titel „Sprungschätzung für verrauschte Beobachtungen von verschmierten Treppenfunktionen“ und behandelt ein Spezialproblem der Statistik. Im Beirat des Promotionsstudiengangs saß auch ein Abteilungsleiter aus dem Risikomanagement der Commerzbank. Ihm muss mehr als nur der Titel der Arbeit gefallen haben. Jedenfalls warb er Boysen von der Uni ab. Jetzt berechnen Boysen und seine Kollegen im 36. Stock des Bankenturms in der Frankfurter City Kreditrisiken, Eigenkapital- und Erlösquoten, zum Beispiel mit dem Grenzwertsatz. Für einen Experten ist der mathematische Anspruch dabei nicht allzu groß. Den Unterschied zur Forschung verdeutlicht Leif Boysen mit ausgebreiteten Armen: Er ist fast zwei Meter groß, die Spannweite beachtlich. Die unmittelbare Relevanz seiner Arbeit und ihr Bezug zum „gesunden Menschenverstand“ seien mehr als eine Entschädigung dafür, betont er. Zunächst hatte er eine halbe Stelle als externer Berater, außerdem bietet die Bank Traineeprogramme für Absolventen an. So lässt sich der Übergang vom Uni- ins Berufsleben sanft gestalten. Ähnlich ging es Boysens früheren Kommilitonen. Eine Mitdoktorandin betreut nun in einem Pharmaunternehmen klinische Studien, eine andere betreibt „Data-Mining“ – sie arbeitet an der automatischen Auswertung von Datenbanken, um die Werbung ihres Unternehmens besser auf dessen Kunden abzustimmen. Die entsprechende Qualifikation ist in vielen Branchen gefragt, das Angebot auf dem Arbeitsmarkt gering. „Deutschland ist, was Statistiker angeht, unterversorgt“, sagt Boysen.

„Mathematik ist die Basis“

Diese Diagnose lässt sich ausweiten. Experten bemängeln die geringe Zahlenkompetenz der Deutschen, ihr fehlendes Interesse an Daten, ihr unterentwickeltes mathematisches Vorstellungsvermögen. Dazu kommt, dass all diese Defizite gesellschaftlich alles andere als verpönt sind. „In Mathe war ich immer schlecht“, das ist im Smalltalk fast schon ein Schlüsselsatz, um sich der gegenseitigen Unverdächtigkeit zu versichern. Und im Programm des Marburger Postkartenverlags „Edition Filou & Sophie“ läuft kaum ein Motiv besser als das einer vor ihren Hausaufgaben verzweifelnden Schülerin mit der markigen Losung: „Mathe ist ein Arschloch!“ Also braucht Günter Ziegler für seine Mission im Mathematikjahr Mitstreiter. Ekkehard Winter, der Geschäftsführer der Telekom Stiftung, ist einer von ihnen. „Mathematik ist die Basis für alle anderen Wissenschaften“, erklärt er das Engagement der Stiftung, die in diesem Jahr knapp zwei Millionen Euro für mathematische Lobbyarbeit ausgibt. „Wir wollen, dass Mathematik auch emotional positiver rüberkommt“, sagt er. Im Vordergrund steht dabei die Verbesserung der Aus- und Fortbildung für Lehrer. „Es geht uns darum, dass die besten Studenten Lehrer werden wollen!“

Einer davon dürfte Paul Norkowski sein. Jedenfalls ist er unter den rund hundert Hörern der Vorlesung „Lineare Algebra“ an der Frankfurter Uni der Einzige, der Fragen stellt. Jetzt im Winter ist es noch düster, wenn sie montag- und donnerstagmorgens um acht Uhr beginnt – ein Schönwetterstudium sieht anders aus. Norkowski, 20 Jahre alt und im dritten Semester des Lehramtsstudiengangs eingeschrieben, beeindruckt das genauso wenig wie die vielen Jobalternativen für Mathematiker. „Ich möchte Lehrer werden, weil mir die Arbeit mit Kindern Spaß macht“, nennt er den Grund dafür. Aber warum gerade Mathematik? „Man bekommt ein Problem – und wenn man’s gelöst hat, ist das ein tolles Gefühl“, schildert er die Faszination des Faches fast so treffend wie Enzensbergers Zahlenteufel. „Im gewöhnlichen Leben klappt nichts, aber in der Mathematik klappt alles“, stellt dieser fest. „Manchmal frage ich mich selber, wo die Mathematik aufhört und die Hexerei anfängt.“

Der U-Bahn-Fahrplan - ein Star!

Der Hexenturm der deutschen Spitzenmathematik steht in Berlin, es ist ein Klotz aus Glas und Beton an der sechsspurigen Straße des 17. Juni. Auf einer Etage des Gebäudes des Mathematischen Instituts der Technischen Universität ist seit 2002 das Matheon untergebracht, ein Forschungszentrum der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). „Überall ist Mathematik drin“ heißt hier der Slogan, die Gitternetzgrafik eines Fabelwesens aus dem „Herrn der Ringe“ ist eines der Aushängeschilder. Denn die Computeranimationen des Kassenschlagers wirken nur dank der im Berliner Schwerpunkt „Visualisierung“ entwickelten Algorithmen so echt. Aus der Abteilung „Logistik, Verkehr, Telekommunikation“ kommt ein weiterer mathematischer Star, der U-Bahn-Fahrplan der Berliner Verkehrsbetriebe. Neun Linien, 170 Bahnhöfe, mehr als eine Million Fahrgäste täglich – das Forschungsprojekt ermittelte Oktillionen (ein Oktillion ist eine Eins mit 48 Nullen) theoretisch möglicher Fahrpläne und bestimmte mit den Methoden der kombinatorischen Optimierung den besten. Dadurch sanken 2005 Umsteige- und Haltezeiten in der Hauptstadt merklich, die Verkehrsbetriebe konnten außerdem sogar einen Zug einsparen.

70 solcher Projekte laufen zurzeit am Matheon. Sie sind so nah dran an der Wirtschaft, dass sich das Zentrum als mathematischer Dienstleister nach dem Ende der DFG-Förderung 2013 selbst tragen können dürfte. Erwartungsgemäß gehört auch Günter Ziegler zu den Akteuren in diesem Zahlenparadies. Aber das Glück ist nicht ungetrübt. Wie viele Mathematikstudenten es in Deutschland gibt, das zum Beispiel weiß selbst er nicht so genau. „Wir arbeiten daran, aber wegen der Umstellung auf Bachelor und Master ist die Lage unübersichtlich“, sagt er. „Noch fehlen uns solide Daten dazu.“ Aus seinem Mund klingt das ein wenig wie die Schilderung der Zahlenhölle.

Mathe für alle

- Mehr über das Mathematikjahr steht auf der Homepage: www.jahr-der-mathematik.de; Details zum Matheon unter: www.matheon.de

- Mathematik zum Anfassen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zeigt das Mathematikum in Gießen. Mehr unter: www.mathematikum.de

- Hans Magnus Enzensberger: Der Zahlenteufel. Ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben. Carl Hanser Verlag, München 1997. 263 Seiten, geb., 19,90 Euro.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Fotolia
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [2]
Fehlkalkulation 05.01.2008, 17:30
Mir scheint, dass das angeblich schlechte Image der Mathematik 05.01.2008, 11:04
 
   
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