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Wittener Medizinmodell

Sechs Uhr auf Station, um näher dran zu sein



Computer-Tomographie eines Gehirns: Medizinstudenten in Witten/Herdecke
30. April 2008 
„Mein erster Studientag begann um 6 Uhr morgens mit dem Pflegepraktikum auf der Station, wo ich mir von meinen Kommilitonen zunächst die Zähne putzen lassen musste“, erzählt Martin Butzlaff, früher Student und heute Medizindekan an Deutschlands erster Privatuniversität Witten/Herdecke. „Wir sollten eine Idee davon bekommen, wie so was geht und wie hilflos und dämlich man sich dabei fühlt, und wir sollten das wechselseitig üben.“ Die Ausbildung näher an den Menschen und an die medizinische Realität zu bringen, das war das Ziel der Hochschulgründer.

Keimzelle der Privatuniversität war das anthroposophisch orientierte Gemeinschaftskrankenhaus in der Nachbarstadt Herdecke am Südostrand des Ruhrgebiets. Mediziner wie Konrad Schily wollten die Ärzteausbildung so nah wie möglich am Patienten ausrichten. Vor 25 Jahren, am 1. Mai 1983, nahm der als revolutionär angesehene Studiengang Humanmedizin in Witten seinen Betrieb auf und mit ihm die erste deutsche Privatuniversität.

Nicht erst am Ende vollendete Tatsachen

Martin Butzlaff, früher Student, heute Medizindekan

Die Studenten erst am Ende der Ausbildung in einem Uniklinikum vor vollendete Tatsachen zu stellen - also vor die Patienten, das wollten die Initiatoren aus Witten/Herdecke nicht. Für sie spiegelt außerdem die kleine Patientenschar an Unikliniken nicht die ganze medizinische Wirklichkeit wider. „Wenn man die Ausbildung ausschließlich auf Unikliniken focussiert, wird ein ganz großer Teil der Medizin ausgeblendet“, sagt Butzlaff.

Der Verzicht auf eine Ausbildung der Studenten in einem hochwissenschaftlich geprägten Uniklinikum und der geringe Anteil eigener Forschung brachte die Wittener allerdings in existenzielle Schwierigkeiten. Der Deutsche Wissenschaftsrat verlangte mehr Forschung und eine Verbesserung der Ausbildung an der Privatuniversität. Neue Studenten sollten solange nicht mehr aufgenommen werden, bis die Schwächen in der Humanmedizin behoben seien. Der Vorsitzende des Rates, Professor Karl Max Einhäupl, riet sogar, den Ausbildungszweig ganz aufzugeben.

Das drohende finanzielle Desaster abgewendet

Die Universität dachte aber nicht an Aufgabe. Sie stellte ein neues Konzept auf, plante neue Lehrstühle und ergänzt die Ausbildung durch Einbezug des Helios-Uniklinikums in Wuppertal. Der Rat und das Landes-Wissenschaftsministerium akzeptierten das Konzept. Darüber hinaus wendete die Universität auch das drohende finanzielle Desaster ab. Kurz vor der Übernahme durch den Bildungskonzern Stiftung Rehabilitation Heidelberg (SRH) erklärte die Düsseldorfer Beratungsgesellschaft Droege sich bereit, die Universität mit zwölf Millionen Euro zu unterstützen. Die Hochschule ging dabei in eine Stiftungsuniversität über.

Die Leistungen der Medizinstudenten blieben ungeachtet der Veränderungen gut. Obwohl sie zusätzlich noch in einem „studium fundamentale“ geisteswissenschaftliche Studien absolvieren müssen, dauert ihr Medizinstudium mit rund 13 Semestern nicht länger als an
anderen Universitäten. Im vergangenen Frühjahr konnten die Wittener beim „Hammer-Examen“, wie die Studenten die Abschlussprüfung respektvoll nennen, glänzen. Bei den schriftlichen Ergebnisse der neuen bundesweiten Ärztlichen Prüfung schnitten sie unter 36 Medizinfakultäten am besten ab.

In Witten sitzen die Studenten, die für die Medizinausbildung 30.000 Euro und 2009 vielleicht sogar 45.000 Euro bezahlen müssen, nicht massenhaft in Hörsälen und bekommen dort Knochenaufbau und Nervenfunktionen erklärt. Jeweils sechs bis sieben Studenten diskutieren stattdessen mit ihrem Dozenten in kleinen Arbeitsräumen. Problemorientiertes Lernen heißt die Devise. Anhand von Fallbeispielen müssen die Jungmediziner Lösungen erarbeiten. In Prüfungen bekommen sie auch selten Multiple Choice-Klausuren mit Lösungen zum Ankreuzen. Auch in Leistungsüberprüfungen wird praktisch gearbeitet. Da wird zum Beispiel ein Patient untersucht und anschließend stellen die Studenten den Patienten und seinen Befund vor.

Text: dpa
Bildmaterial: dpa
 
 
   
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