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Aufbruch Eine arme Universität will exzellent werden Von Winand von Petersdorff
Ruhig liegt die Universität Lüneburg im Morgendunst. Ordentlich aufgereiht stehen die Backsteinblöcke der alten Scharnhorst-Kaserne, die heute dem Personal und den 10.000 Studenten der Universität Lüneburg Raum geben. Ein paar Putzfrauen verlassen den Hauptverwaltungsblock. Morgens kurz vor acht in den Semesterferien ist das riesige Gelände fast menschenleer. Hier, in der Mitte der Lüneburger Heide, soll das deutsche Bildungswesen revolutioniert werden. Die Universität der 72.000-Einwohner-Stadt Lüneburg hatte bisher die Strahlkraft einer Energiesparlampe der ersten Generation. Wie mehr als ein Dutzend vergleichbarer Institutionen war sie in den 1970er Jahren gegründet worden, ohne je Kontur, Renommee und ein klein bisschen Tradition zu erlangen. Sie verbindet das Schlechte einer Massenuniversität - zu viele Studenten je Wissenschaftler - mit den Nachteilen einer kleinen Hochschule, deren Forschung mangels Kapazität nicht tief genug gehen kann.
"Die Universität Lüneburg ist eine der am schlechtesten finanzierten deutschen Universitäten", sagt deshalb Kanzler Holm Keller ziemlich unverblümt. Die Hochschule ist aus einer Fusion einer kleinen Universität und der Fachhochschule hervorgegangen, was ihrem Ruf nicht nur dienlich war. Unterfinanzierung und eine permanente Schließungsdebatte lähmten die Arbeit an der Institution. Sie machten als Folge einen hohen Grad an Selbstbeschäftigung beim akademischen Personal aus. An den Leuten, das sagt Keller auch, liegt es nicht. Zwei illustre Persönlichkeiten Schlimmer geht es kaum noch. Die Voraussetzungen für eine Erfolgsgeschichte waren also bestens für zwei ziemlich illustre Persönlichkeiten, die es an die Spitze der Universität verschlug.
Die eine heißt Sascha Spoun, ist mit 38 Jahren der jüngste Universitätspräsident Deutschlands, hatte nie einen eigenen Lehrstuhl, nicht habilitiert und weiß vermutlich mehr über Hochschulbildung und das Management von öffentlichen Einrichtungen als die meisten anderen Universitätspräsidenten. In St. Gallen, wo er noch als Dozent gelistet ist, hat man ihm zum Abschied Kränze geflochten. Dort war Spoun zuständig für die Neuausrichtung der Lehre. Die Nummer zwei ist Spouns Vizepräsident und Kanzler Holm Keller. Er hat als 17-Jähriger das Komponieren an den Nagel gehängt, als Hörfunkjournalist in der spannenden Umbruchphase in Osteuropa gearbeitet, Theater- und Musikwissenschaften studiert, an Opernhäusern als Dramaturg gearbeitet, Werbung produziert und in Harvard seinen Master of Public Administration abgeschlossen. Danach folgten knapp sieben Jahre bei der Unternehmensberatung McKinsey und vier Jahre bei Bertelsmann. Bis ihn schließlich eine Aufgabe ausgerechnet im öffentlichen Dienst reizte und er seinem Freund nach Lüneburg folgte. "Ich bin hier, weil ich meinem Freund Sascha versprochen habe, ihm zu helfen." Ein paar freiwillige soziale Jahre in der Heide sozusagen. Eine klassische Turnaround-Geschichte
Die beiden Energiebündel sind voller Euphorie, Durchsetzungskraft - und sie denken groß. Die Aufgabe, die Spoun und Keller sich vorgenommen haben, lautet: Aus einer kaum bekannten Adresse eine der besten öffentlich-rechtlichen Universitäten Europas zu machen, ein Vorbild für die gesamte deutsche Hochschullandschaft, tönt Spoun. "Das ist eine klassische Turnaround-Geschichte", sagt der McKinsey-gestählte Kanzler Keller. Die zweite Aufgabe: Die Hochschule will den Studenten einen Werkzeugkasten mit auf den Lebensweg geben, der es ihnen ermöglicht, in immer neuen Berufsstationen in einer sich dynamisch verändernden Berufswelt zurechtzukommen. Für diese neue Dynamik geben die klassischen Bachelor-Studiengänge den Studenten nicht das nötige Rüstzeug. "Die bisherigen Studiengänge liefern gute Problemlöser für bekannte Probleme", glaubt Spoun. Doch wer beantwortet die unbekannten Fragen von morgen? "Kaum einer unserer Absolventen wird am Ende seiner Karriere den gleichen Job ausüben wie zu Beginn." Um gewappnet zu sein, brauchen die Akademiker vor allem Methodenkompetenz und Allgemeinbildung. Das Bachelor-Studium erneuert Das Ziel ist eine Hochschule, die dies gewährleistet. Dafür haben Spoun und Keller Mitstreiter gesucht und schließlich die Radikalreform binnen zehn Monaten durch die Gremien geboxt. In der Regel stimmten 75 Prozent zu, berichtet das Duo heute stolz. Zunächst wurde das Bachelor-Studium erneuert. Zum Wintersemester soll zunächst ein College zum Erwerb des komplett neuen Bachelors eingerichtet werden. Dort absolvieren alle Studienanfänger ein gemeinsames erstes Semester mit viel Methodentraining und Grundlagenwissen. Philosophie und Mathematik stehen auf dem Lehrplan. Auftakt des ersten Semesters bildet ein einwöchiges Forschungsprojekt, das die Studenten in Teams abarbeiten. Vom zweiten Semester an kombinieren die Studenten eines von elf Haupt- mit einem von 26 Nebenfächern. Dazu muss ein sogenanntes Komplementärstudium mit "hauptfachfremden" Seminaren belegt werden. "Damit der Studierende versteht, wie andere Fachrichtungen denken", erklärt Spoun. Die Absolventen sollen nach dem ersten Studienabschluss für lebenslanges Lernen qualifiziert sein. Bewerbungsfrist endet am 15. Juli Das College startet am 4. Oktober, die Bewerbungsfrist endet am 15. Juli. Im Frühjahr 2008 startet eine neue Professional School für Weiterbildung von Berufstätigen. Schließlich nimmt zum Wintersemester 2008 eine neue Graduate School für Master-Studenten und Doktoranden ihre Arbeit auf. Bald soll ein erstes Forschungszentrum entstehen. Die Hochschule, die gestern noch das Armenhaus des deutschen Bildungswesens war, hat einen hohen Anspruch. Die Qualitätsansprüche sollen deutlich steigen. Es wird hart gearbeitet werden, verspricht Spoun. In Zukunft will die Universität auch die Möglichkeit in Anspruch nehmen, ihre Studenten auszusuchen. Sie sollten gute Noten mitbringen und in Interviews und Gruppensituationen einen guten Eindruck hinterlassen. Die Hochschule will sich an den Aufnahmeverfahren der deutschen Begabten-Stiftungen orientieren. Arbeit am Markenimage Das Problem dabei: Zwar sind in einigen Fächern wie Kulturwissenschaften oder Wirtschaftspsychologie die Zahl der Bewerber und der Numerus Clausus hoch. Insgesamt sind aber zu wenige kluge, ambitionierte Abiturienten auf die Idee verfallen, nach Lüneburg zu gehen. Deshalb arbeiten Spoun und Keller nicht nur an dem neuen Studienprogramm, sondern auch am Image. So hat die Universität zusammen mit der Werbeagentur Scholz & Friends nach einem neuen Namen für die Universität gesucht, der helfen soll, die Institution wie einen Markenartikel zu bewerben. Die Werber stießen im Werk des griechischen Mathematikers und Geographen Claudius Ptolemäus auf den Siedlungsplatz Leuphana. Der könnte dort lokalisiert gewesen sein, wo heute Lüneburg liegt. Der Vorteil des Namens: Er erinnert an die inzwischen zumindest in Deutschland bekannte Viadrina und scheint für ausländische Wissenschaftler irgendwie nach Universität zu klingen. Nicht ohne Reibungshitze Ohne Reibungshitze läuft so ein Umbau nicht ab. Studenten der Provinzuniversität stören sich am Tempo und an der Ausrichtung der Universität an Markterfordernisse. So gab es zur Pressekonferenz in Berlin auch ein paar Proteste. Und Sascha Spoun wird gerne als der McKinsey-Präsident bezeichnet. Zugleich spürt der junge Präsident eine Aufbruchstimmung. Die Wissenschaftler ziehen bereitwillig mit. Auch Berufungen würden leichter, sagt Spoun nach ersten Erfahrungen. Was noch fehlt, sind neue Gebäude. Auf der Wunschliste der Verwaltung steht ein Audimax, Räumlichkeiten für Forschung und Teamarbeit und ein Studierendenzentrum. Holm Keller hat in seinem Regal schon ein Modell seines Freundes, des weltberühmten Architekten Daniel Libeskind, stehen. In Lüneburg wird nicht mehr klein gedacht. Text: F.A.S.Bildmaterial: Leuphana Universität Lüneburg
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