|
![]() |
Berufswahl Macht ein Patchworkjahr daraus Von Ursula Kals
Von der S-Bahn-Station zieht die junge Karawane zum Shuttle-Bus. Der schwenkt vorbei am Lokal "Poseidon", einer Spedition, einer Tankstelle und durchs Gewerbegebiet zum Gelände des Océ EventCenters in Poing bei München. Cliquen sitzen im Gras vor der Messehalle und sortieren Papier, das sie taschenweise herausgeschleppt haben. Derweil strömen die Busgäste hinein und erleben den üblichen Messemix aus schlechter Luft, Reizüberflutung und guten Anregungen. Zum ersten Mal hat das Unternehmen Einstieg die Messe in München veranstaltet, so wie zuvor in Köln, Berlin und anderen Städten (www.einstieg.com). Das junge Publikum ist geteilt: Die einen wirken eher zwangsbeglückt und sind durch verantwortungsbewußte Lehrer oder besorgte Eltern hergeschickt worden. Die anderen sind aus eigenem Antrieb gekommen. An den beiden Messetagen gehen 18.000 Besucher von Stand zu Stand. 170 Unternehmen, Hochschulen, Verbände und Sprachreiseanbieter informieren über Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, als Garnitur gibt es Vorträge und Talk-Runden. Dicht umringt sind die Mediengespräche. "Irgendwas mit Medien machen", auch dieser Satz fällt häufig, das klingt schön lässig. Beim Fernsehen ist die Konkurrenz unheimlich groß, es gibt Überstunden, Stress, Termindruck, vor die Kamera wollen viele, gelangen aber wenige, Nachrichtenmachen ist auch toll - so berichtet die nette Redakteurin eines kleinen privaten Fernsehsenders ins Mikrophon. Aha. Ob da wirklich etwas hängenbleibt? Weniger unterhaltsam, aber erhellender Vielleicht weniger unterhaltsam, aber erhellender sind die Infostände. Zum Beispiel der Universiteit Maastricht. Absolventin Claudia Herrmann, die in den Niederlanden "International Business Economics" studiert hat, schwärmt von den Studienbedingungen, dem intensiven Lernen in Kleingruppen, "der Topausstattung". Mit einer Mischung aus Skepsis und Begeisterung hört ihr eine Augsburgerin vom Peutinger Gymnasium ("das hat Bert Brecht besucht") zu. Sie erhält Schüler-Bafög und ist auf der Suche nach einem Geschichtsstudium, Nebenfach Archäologie, das sie sich leisten kann. "Meine Eltern können mir das nicht finanzieren." Später möchte sie "Richtung Museum", am allerliebsten eine akademische Karriere machen: "Das wäre ein Traum." Salzburg käme für die brünette junge Frau nicht in Frage. Ihre Wunschfächer bietet die Fachhochschule nicht an, außerdem werden Studiengebühren verlangt, im Semester 363 Euro und 115 Euro im Jahr für die Techniknutzung. Die Leiterin Marketing und Kommunikation Sabine Grossauer stellt 15 Studiengänge an fünf Fachbereichen vor. Für die Kombination von "BWL und Technik" wünscht sich die FH noch eine höhere Bewerberzahl, "uns geht es sehr viel um Persönlichkeit". Das Publikum, lobt Grossauer, sei anspruchsvoll. "Besonders die Techniker sind sehr gut informiert und sehr konkret mit ihren Fragen." Die Hochschule biete ja auch "ein geniales Netzwerk zu Unternehmen". Inzwischen gibt es 1800 Studierende an zwei Standorten im Süden Salzburgs, darunter immer mehr deutsche Studenten. "Durch die Einführung von Studiengebühren wird das auch für Münchener interessanter; die sagen sich, da brauche ich nicht zu Hause zu bleiben, da kann ich auch weg", beobachtet die Österreicherin. Gut laufen auch die Toursimusstudiengänge, "das ist in Bayern ja ein Thema". Und nachgefragt werde "alles, was mit Design und Gestaltung zu tun hat". Nur zögerlich nach Ostdeutschland Solche Interessenten sind einige Kojen weiter am Gemeinschaftsstand der Hochschulen von Thüringen fehl am Platz, es sei denn, sie begeben sich gegenüber an den Einzelstand der Bauhaus-Universität Weimar. Am Gemeinschaftsstand haben die Universitäten Erfurt, Jena, die TU Ilmenau und die Fachhochschulen Jena, Erfurt, Nordhausen und Schmalkalden ihre Broschüren ausgebreitet. Thomas Klose von der Studienberatung der Friedrich-Schiller-Uni in Jena rechnet vor: "Von Bayreuth nach München ist es so weit wie von Bayreuth nach Jena." Dennoch kämen die Süddeutschen - mit Ausnahme der Schwaben - nur zögerlich nach Ostdeutschland. "Die Beratungsgespräche heute am Freitag sind minimal", bedauert seine Kollegin Irene Peter von der Zentralen Studienberatung der TU Ilmenau und tröstet sich: "Das Netz ist das allererste Informationsmedium geworden." Jedenfalls für die Technikstudenten. Aus Bayern "raus", so hat sie Gesprächen entnommen, daran dächten die Münchener "erst nach dem Studium, und dann auch nur vielleicht". Während Bundeslandwechsel zögerlich betrieben werden, darf es andererseits gerne etwas mehr sein: Denn Auslandsaufenthalte sind gefragt, davon zeugen die Katalogstapel, die die Jugendlichen einsammeln. Ein Geheimtip ist der kleine Stand von Susanne Gry Troll. Die freundliche Dänin bringt im Selbstverlag ein jährlich aktualisiertes Buch "Die Auslandsreise. Arbeiten, Studieren und Lernen im Ausland" heraus, und es scheint wenig zu geben, was die Diplomkauffrau und Übersetzerin nicht über Anbieter, Preise und Möglichkeiten weiß und aufgeschrieben hat. "Insgesamt ist das alles einfacher und flexibler geworden. Ich finde es gut, sich nach all der Büffelei ein Jahr lang den Wind um den Kopf wehen zu lassen." In Israel Friedensdienst leisten, in Japan Sushi zubereiten lernen - "die Anbieter machen die wahnsinnigsten Sachen". Was sie Unternehmungslustigen, aber Entscheidungsunfreudigen empfiehlt: "Macht ein Patchworkjahr daraus, da gibt es gute Kombinationen." Sich ein Orientierungsjahr zu genehmigen, dazu rät auch Denis Buss von Einstieg. Er schätzt, daß etwa die Hälfte der Messebesucher "noch keine Ahnung davon haben, was sie eigentlich machen möchten. 'Ich kann mich nicht entscheiden', das ist der Satz, den wir oft hören. Gerade die sehr guten, die eine Eins vor dem Komma haben, sind total unsicher." Aufschub zum Nachdenken Aufschub zum Nachdenken, das verschaffen sich manche bei der Bundeswehr, die an ihrer Koje etwas fürs Auge bietet: Steigklemmen und Seilbremsen und dazu zwei drahtige, braungebrannte Gebirgsjäger aus Füssen in Flecktarnuniform, die über die "Ausbildung der Gebirgsjäger in der Offizierslaufbahn" berichten und natürlich immer umringt sind. Auch von Frauen. "Die jungen Damen trauen sich unverkrampfter an den Stand. Die Herren machen eher einen Bogen, weil sie das Thema Wehrpflicht im Kopf haben", erklärt Hauptmann Reinhold Liese in grauer Uniformjacke, der Sachgebietsleiter im Zentrum für Nachwuchsgewinnung ist. "Sieben Prozent machen Frauen inzwischen bei uns aus, relativ viele gibt es im Sanitätsdienst." Auf Messen sei die Bundeswehr gerne präsent, "um Flagge zu zeigen. Gibt es ein Freigelände, dann haben wir einen Panzer stehen. Hier kommt man über die Skiausrüstung und Sport schnell ins Gespräch." Richard Thieme, Ausbildungsleiter bei Rhode & Schwarz, einem Kommunikationstechnologiehersteller, hat es da schon schwerer mit der Präsentation. Immerhin hat er Ausbildungsplätze für nächstes Jahr zu vergeben, unter anderem als Systeminformatiker und Fachinformatiker Anwendungsentwicklung. "Wenn man auf einer Messe ein paar gute Kandidaten trifft, hat sich das schon gelohnt." Auf der Rückfahrt setzt sich Jana Lehnacker vom Willy-Graf-Gymnasium mit einem wohligen Seufzer in den Bus. "Es gibt so viele Bereiche, Kunst, Design, Philosophie, Politik, Geschichte oder Bio und was ganz anders. Am liebsten hätte ich einen Beruf, der das alles verbindet. Daß es so viele Möglichkeiten gibt." Jana lächelt fast ein wenig entschuldigend. Es ist das Lächeln einer Sechzehnjährigen. Immerhin schwärmt sie nicht für den Beruf, der die Hitliste des vergangenes Jahres anführte. Der beliebteste Beruf im Jahr 2005, so hat das Hochschulteam der Frankfurter Arbeitsagentur herausgefunden, ist der Pathologe. Auf Platz zwei landete der Profiler. Ideengeber sind Fernsehkrimis. Nur: Mit der Wirlichkeit hat das soviel zu tun wie seriöse Berufswahlfindung mit Glaskugelleserei. Text: F.A.Z., 21.10.2006, Nr. 245 / Seite C8Bildmaterial: Heather Down - FOTOLIA |
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||


