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Business Schools Für die Guten, nicht die Reichen Von Christian Geinitz
Was braucht ein erfolgreicher Unternehmensgründer? Eine gute Idee, einen stichhaltigen Geschäftsplan, etwas Geld, willige Mitstreiter und jede Menge Zuspruch. Bis auf das Geld fand Lukasz Gadowski alles an seiner Universität, der Handelshochschule Leipzig (HHL). Noch während des Studiums der Betriebswirtschaftslehre überlegte er sich, wie man das Bedrucken und Versenden von Werbe-T-Shirts im Internet optimieren könnte. Die Lösung: Privatleute, Vereine, Unternehmen oder Fanartikel-Vertreiber entwerfen ihre Motive in Gadowskis virtuellem Designstudio und bieten sie auf ihrer eigenen Homepage zum Kauf an. Die Bestellungen gehen direkt an Gadowski, der die Hemden bedrucken lässt und den Endkunden zuschickt. Verdienen tun beide, Gadowski wie die Motiv-Entwerfer, die eine Provision erhalten. Risiken und Kosten sind gering, weil die Produktion erst auf die verbindliche Bestellung hin anläuft. Der 29 Jahre alte Mann gilt als einer der erfolgreichsten Jungunternehmer in der neusten Generation des interaktiven Web-Handels. Sein Leipziger Unternehmen Spreadshirt beschäftigt 250 Mitarbeiter und exportiert in die halbe Welt. Unter den Auftraggebern, die die bunten Leibchen in sogenannten Spreadshops im Internet anbieten, tummeln sich prominente Anbieter wie der Fußballclub Borussia Dortmund, die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen oder der pensionierte Nationaltorwart Oliver Kahn. Angeblich gibt es schon 20 000 solcher Spreadshops - übrigens ein etwas unglücklicher Name, da der ähnlich klingende Begriff Sweatshop auf Englisch Ausbeuterbetrieb bedeutet.
Das dürfte auch Gadowski wissen, denn gute Englischkenntnisse sind eine der vielen Voraussetzungen für die Aufnahme an der HHL. Im Betriebswirtschaftsstudium läuft ein Teil der Kurse in der Fremdsprache, in den anderen Studienprogrammen, dem Master of Science (MSC) und dem Master of Business Administration (MBA), wird ausschließlich auf Englisch unterrichtet. In manchen Kursen sind mehr als zwei Drittel der Teilnehmer Ausländer. Vertrackte Fallstudien Neben einem guten "TOEFL"-Englischtest verlangt die HHL von ihren Studenten ein überdurchschnittliches wirtschaftswissenschaftliches Vordiplom oder einen Bachelor-Titel, das Bestehen des GMAT-Aufnahmetests für Managementschulen sowie Erfolg im hauseigenen akademischen Assessment-Center. Über persönliche Gespräche und einen Stegreif-Vortrag sollen die Bewerber dort ihre Leistungs-, Führungs- und Teamfähigkeit beweisen. Wer so weit kommt, hat gute Chancen: von 90 Bewerbern im Diplomstudiengang BWL erhalten etwa 40 den Zuschlag. Nicht nur die hohen Anforderungen, auch die Studiengebühren (siehe Kasten) schreckten vielleicht einige Kandidaten ab, sagt HHL-Rektor Hans Wiesmeth. Das aber zu Unrecht. "Am Geld ist noch keine Aufnahme gescheitert." Mindestens zehn Prozent der Studenten erhielten ein Voll- oder Teilstipendium, die Leipziger Sparkasse und andere Banken böten günstige Studiendarlehen an. "Wirtschaftlich denkende Studenten sehen ihre Zeit hier als gute Investition und können ihre Schulden schnell zurückzahlen, wenn sie im Job sind." Das Ausfallrisiko für die Kreditgeber sieht Wiesmeth nahe null. "Wir haben noch nie von einem arbeitslosen HHL-Absolventen gehört." Es gebe durchaus auch Bafög-Empfänger unter den Studenten. "Wir sind keine Schule für die Reichen, sondern für die Guten und Leistungsbereiten", sagt Wiesmeth. Ähnlich sehen es auch die Studenten. "Wer zahlt, will aus dem Studium das Maximum herausholen und fordert auch mehr von den Professoren", sagt der 25 Jahre alte Philipp Göbel, der kurz vor dem BWL-Diplom steht. Deshalb sei die Evaluierung der Hochschullehrer so wichtig. "Fast alle von uns waren vorher an einer staatlichen Uni, wir wissen die Bedingungen hier wirklich zu schätzen." Elf Lehrstühle und noch mehr Gastdozenten kümmern sich um nur 300 Studenten. Absolvent Gadowski würdigt an der HHL nicht nur die straffe Ausbildung in Fächern wie Marketingmanagement oder Entrepreneurship, sondern vor allem die Kombination von Theorie und Praxis. Man arbeite sehr "problemorientiert", sagt er, suche in kleinen, hochmotivierten Gruppen Lösungen für vertrackte Fallstudien und trete Fragen aus der wirklichen Geschäftswelt gegenüber. Zwischen Fußball-WM und Donuts Der Bosch-Konzern etwa hat die Praktikanten beauftragt, sich ein neues Marketing-Konzept für seine Heimwerkerprodukte auszudenken. Die GTZ, eine Entwicklungshilfeorganisation der Bundesregierung, sucht neue Wege zu "fairer Bekleidung". Die Stadt Leipzig lässt die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Fußball-Weltmeisterschaft untersuchen, und der Rundlingbäcker Dunkin' Donuts will, dass die jungen Leute seine Zulieferwege unter die Lupe nehmen. Die praktische Unterstützung seitens der Hochschule fiel bei Spreadshirt recht handfest aus. Als studentischer Gründer habe er zunächst keine Räume gehabt, erinnert sich Gadowski. "Also hab ich meine ersten Bewerbungsgespräche in der HHL abgehalten." Um Öffnungszeiten musste er sich nicht scheren, denn die Schule schläft nie. Selbst die Bibliothek ist rund um die Uhr geöffnet. Gadowskis Mini-Recruiting hatte schnell Erfolg. Zunächst engagierte er studentische Hilfskräfte für Spreadshirt, später seine Absolventen-Kollegen. Neben ihm stammen heute auch die Chefs des Controllings und der Buchhaltung sowie der Betriebsleiter von der HHL. Bei der Kapitalbeschaffung mussten freilich auch die hochdekorierten Finanzfachleute der Leipziger Eliteschmiede passen. Darlehen bekam Gadowski trotz ihrer Hilfe nicht. Immerhin lernte er von ihnen, weshalb: "Ich habe kapiert, dass es in Deutschland nur Kredite gibt, wenn ein Anlagevermögen dahintersteht. Das hatte ich nicht zu bieten." Alle nötigen Investitionen hat Spreadshirt seitdem peu à peu aus dem Mittelzufluss getätigt, der hier natürlich "Cashflow" heißt. Ähnlich wichtig wie Geld, das lernte der junge Mann schnell, waren Kontakte und ein guter Ruf. Die HHL verfügt über beides. Wissenschaftler, Unternehmensberater, Investmentbanker und Firmenvertreter geben sich auf dem Campus die Klinke in die Hand. Im Plausch zwischen Tür und Angel, in der Mensa oder im Hörsaal erhalten Leute wie Gadowski Lösungsvorschläge, Literatur- oder Kontaktempfehlungen und können so manche Schwierigkeiten mit recht wenig Aufwand beseitigen. Hinzu kommt die positive Außenwirkung der Hochschule, die viele Türen öffnet. "Geschäftspartner nehmen dich einfach ernster, wenn du sagst, dass du von der HHL kommst", sagt Gadowski. 50 000 Euro Einstiegsgehalt Der gute Leumund ist kein Zufall. Die HHL gehört verschiedenen Bestenlisten zufolge zu den erfolgreichsten kaufmännischen Ausbildungsstätten in ganz Europa. Im Sinne der marktwirtschaftlichen Lehre lässt sich der Wert der Absolventen an ihrem Preis ablesen: den Einstiegsgehältern. Hier rangiere die HHL ganz oben, sagt Rektor Wiesmeth. "Im ersten Jahr bekommen unsere Leute im Schnitt 50 000 Euro. Offenbar sind sie gefragt." Das ist eine bescheidene Formulierung dafür, dass die Wirtschaft der HHL geradezu die Bude einrennt, um ihre Absolventen anzuwerben. Manche Studenten werden schon an ihrem ersten Unitag von den Personalabteilungen angesprochen. Die meisten Werber kommen von den Investmentbanken und den großen Unternehmensberatungen. So dankbar die HHL ihnen ist, so sehr wünschte sie sich auch, dass mehr Industrieunternehmen auf sie aufmerksam würden. Hier, deutet Wiesmeth an, erweist sich der Traditionsstandort Leipzig als Nachteil, denn kaum einer der großen Konzerne unterhält eine Stabsabteilung in Ostdeutschland. Das zeigt sich auch an der Finanzierung der Hochschule. Ein Drittel des Budgets stammt aus Studiengebühren, ein Drittel sind Lehrstuhlfinanzierungen aus der Wirtschaft, ein Drittel steuern Spenden, Eigeneinnahmen oder Zinserträge bei. Zwar engagieren sich große Unternehmen als Sponsoren, so Tui, die West-LB, PWC, Dow Chemical, die Körber-Stiftung, die KfW, BASF, Bayer und natürlich die lokalen Größen der Handelskammer oder der Leipziger Sparkasse. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Business Schools können sich die Leipziger auf keinen Hauptgeldgeber verlassen, sondern müssen die Zuwendungen und Stiftungslehrstühle immer wieder neu verhandeln. "Das hält uns im Sinne des Wettbewerbs zwar frisch", sagt Wiesmeth mit einem Lächeln. "Aber ein Großsponsor würde uns das Leben erleichtern." Tolles Leben, faire Preise Für das Studentenleben ist die Abgeschiedenheit mehr Segen als Fluch. Als größte ostdeutsche Stadt mit breitem Musik-, Theater- und Kneipenangebot bietet Leipzig vermutlich die höchste Lebensqualität in den neuen Ländern. "Hier kann man ein tolles Leben zu fairen Preisen führen", schwärmt die weltgewandte MBA-Studentin Cora Theißen, die nach ihrem Bachelorabschluss in Holland an die HHL kam und jetzt einen Auslandsaufenthalt in Peru plant. Tatsächlich können sich in Leipzig selbst Studenten sanierte Altbauwohnungen mitten in der Innenstadt leisten. Die Mieten sind dort deshalb so niedrig, weil die öffentliche Hand Investoren mit großzügigen Abschreibungsmöglichkeiten dazu verleitete, ganze Stadtteile zu renovieren - gänzlich an der Nachfrage vorbei. Den marktgeschulten Absolventen wären solche Fehler vermutlich nicht passiert. Leider aber findet sich kaum einer von ihnen in der öffentlichen Verwaltung.
Bildmaterial: F.A.Z.-Tresckow, picture-alliance / dpa |
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