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| Es muß auch nicht immer Schiller sein |
02. Oktober 2006
Erst durch das Lesen lernt man, wieviel man ungelesen lassen kann, schreibt der Dichter Wilhelm Raabe. Und zu lesen gibt es viel: Allein im vergangenen Jahr brachten die deutschen Verlage mehr als 981 Millionen Bücher auf den Markt. Das Umsatzvolumen lag nach Schätzungen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bei rund 9,2 Milliarden Euro. Bei so vielen Büchern kommt man schnell durcheinander, attestiert eine Studie der Stiftung Lesen.
Darüber hinaus wandelt sich das Leseverhalten nach Meinung der Leseforscher vom täglich fest eingeplanten Ritual hin zu einer Nischenbeschäftigung: Man liest in einem Buch, wenn man Zeit hat und sich entspannt fühlt, etwa am Wochenende. Doch selbst dann greifen Studenten zum Bedauern ihrer Professoren häufig nur zum Fachbuch. Dabei bereitet auch fachfremde Literatur bestens auf die berufliche Zukunft vor. Denn nicht nur das Fachwissen entscheidet über Erfolg oder Mißerfolg im Berufsleben, sondern auch die Kompetenz, über den fachspezifischen Tellerrand hinauszuschauen. Abgesehen davon ist fachfremde Literatur unterhaltsam, sagen jene Professoren, die wir um ihre Lesetips gebeten haben.
Aristoteles stellt zentrale Fragen
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| Auf dem Berliner Bebelplatz fehlte "Winnie the Pooh" |
Die Nikomachische Ethik von Aristoteles legt Dietmar von der Pfordten, Jurist und Philosoph an der Universität Göttingen, seinen Studenten ans Herz. Aristoteles stellt die Frage nach den Zielen menschlichen Handelns - umfassend und systematisch. Ob der Mensch nun Glückseligkeit, Freundschaft, Lebensglück oder Gerechtigkeit anstrebe, bestimme noch heute wie in der Antike unser Leben, sagt der Professor. Er ist sich sicher, daß "für die Studenten darüber hinaus der enge Zusammenhang, in dem die Wissenschaft mit der Auseinandersetzung grundsätzlicher Lebensfragen steht, besonders interessant ist".
Markus Neuhäuser, Mathematiker an der Fachhochschule Koblenz, gerät fast ins Schwärmen, wenn er über das Buch "Kollaps" von Jared Diamond spricht. In dem Buch analysiert der Autor, wann Gesellschaften überleben und wann sie untergehen. "Zum Beispiel die Wikinger auf Grönland", ereifert sich der Professor, "die haben ja quasi so gelebt wie wir und sind dann einfach untergegangen. Oder Haiti. Während die Dominikanische Republik, mit der sich Haiti eine Insel teilt, ökologisch und ökonomisch relativ gut gestellt ist, kämpft Haiti mit der Armut. Wie kommt das?" Antworten darauf finde der Student in dem Buch, sagt Neuhäuser und fügt hinzu: Führungskräfte von morgen sollten das durchaus mal gelesen haben, damit unsere Gesellschaft nicht auch irgendwann einmal untergeht. Ein Buch hat der Professor allerdings nicht zu Ende gelesen: "Fermats letzter Satz" von Simon Singh. "Das Buch wurde ja so gelobt, weil es die pure Mathematik auch für den Normalbürger erklärt", sagt der Mathespezialist und gibt zu, " ich fand es, ehrlich gesagt, ein bißchen langweilig." Es sei sicher gut, wenn der Leser etwas von Mathe mitbekomme, ohne sich gleich Formeln anschauen zu müssen. "Bei mir steckt das Lesezeichen aber noch auf Seite 46/47 von über 300 Seiten."
Rüstzeug fürs spätere Erwerbsleben
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| Es ist wieder soweit: 4. bis 8. Oktober 2006 |
Die Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Detmers möchte ihren Studenten das nötige Rüstzeug für das spätere Erwerbsleben mitgeben und empfiehlt den Altphilologen Manfred Fuhrmann. Er beschreibt in "Cicero und die römische Republik", wie sich der aus dem Nichts stammende Cicero zielstrebig den Weg durch die politischen Ämter bis ins höchste Staatsamt bahnt. "Das Buch zeigt, mit welchen Methoden Intrigen und Hemmnisse überwunden werden können", sagt die Dozentin der Fachhochschule Bielefeld. Schließlich habe es der "moderne Nobody von heute, der eben nicht der Sohn eines berühmten Vorstandschefs ist", noch immer schwer. Na, und von der Ciceronischen Rhetorik könnten Studenten nebenbei eine Menge lernen.
Martin Dressel lehrt Physik an der Universität Stuttgart. Sein Tip: "Die Struktur der wissenschaftlichen Revolution" von Thomas S. Kuhn. "Das Buch ist ein Klassiker, der den Fortgang des Wissens auf philosophische Weise darstellt", erklärt der Naturwissenschaftler. Der Autor erläutert, wie sich Wissen entwickelt und Neues entsteht beziehungsweise wie sich Neues in unseren Köpfen breitmacht. "Schließlich sollen Studenten nicht nur für den Broterwerb ausgebildet werden, sondern vor allem verstehen lernen, was die Welt im Innersten zusammenhält", sagt der Physiker. "Nett ist aber auch die ,Vermessung der Welt' von Daniel Kehlmann, denn das Buch beschreibt einmal die schrullige, einmal die versessene Art der zwei Wissenschaftler Gauß und Humboldt." Und, da ist der Professor streng: "Gauß und Humboldt als wichtige Gestalten der naturwissenschaftlichen Geistes- und Wissenschaftsgeschichte sollte ohnehin jeder Student kennen."
Die Bibel ist durchaus lesenswert
Genauso wie die Bibel, denn die "ist durchaus lesenswert", betont der Passauer Theologe Otto Schwankl. "Die Bibel bringt alle menschlichen Fragen des Lebens zutage: Woher kommen wir, wer sind wir, wohin gehen wir? Für diese Fragen hat das Buch unterschiedliche Antworten und Interpretationen parat", sagt der Professor, "jungen Menschen kann das bei der Sinnfindung helfen." Die Bibel sei auch kulturhistorisch interessant, "die westliche Welt ist ohne sie eigentlich gar nicht zu verstehen. Im Urlaub begegnet sie einem auf Schritt und Tritt. Denken Sie an den venezianischen Löwen, er ist ein Zeichen für den Evangelisten Markus. Oder der ,Deutsche Michel', der ist ein Symbol für den Erzengel Michael. Das weiß kein Mensch."
Unter anderem die Bibel empfiehlt auch Norbert Richard Wolf, ganz ohne theologischen Hintergrund. Der Philologe der Universität Würzburg tut sich sichtlich schwer, ein einziges Buch herauszugreifen, um es Studenten ans Herz zu legen. "Es lohnt sich nicht nur, sondern ist geradezu notwendig, sich durch das Lesen von Literatur auf literarische Welten einzulassen", sagt der Professor und nennt gleich einen ganzen Kanon, schließlich sei es "dabei ziemlich egal, ob es sich um Goethes ,Faust', Lessings ,Nathan' oder Brechts ,Galilei' handelt. Auch Thomas Manns ,Zauberberg', Kafkas ,Prozeß' oder Canettis ,Blendung' und Grass' ,Blechtrommel' sind wichtige Werke." Ganz zu schweigen von Shakespeare oder etwa Cervantes, dessen "Don Quijote" der Germanist im Sommer selbst mit großem Genuß gelesen hat. Wen dieser Kanon abschreckt, dem sei mit den Worten des Professors gesagt: "Es schadet keineswegs, wenn ein Buch etwas mühsam zu lesen ist, denn gerade die Mühe erhöht Einsicht und Genuß."
Thomas Mann zu schwer
Die Lübecker Medizinerin Barbara Wollenberg sieht das ein wenig anders. Thomas Mann zum Beispiel sei einfach zu schwer zu lesen: Da fängt der Satz auf Seite 1 oben an und endet erst zwei Seiten später. Auch wenn die Geschichte der Buddenbrooks historisch spannend ist, die Leserei ist einfach anstrengend. Die Professorin greift da lieber zu einer Liebesgeschichte: Der russische Autor Tschingis Aitmatow schreibt in seiner Erzählung ,Dschamila' über eine Frau, die zwischen zwei Männern steht und sich schließlich gegen das Dorfgetratsche für ihre große Liebe entscheidet. Das Buch ist zum Dahinschmelzen. Es zeigt, daß man seinen Gefühlen trauen sollte und den Mut aufbringen sollte, zu seinen Gefühlen zu stehen. Zu denen steht auch "Winnie, the Pooh", der kleine Bär von Alan Alexander Milne, zweiter Buchtip der Medizinerin: Das Buch bringt mich zum Schmunzeln. Bei ,Winnie, the Pooh' ist es immer 5 vor 11, weil seine Uhr vor Wochen stehengeblieben ist. Letztendlich beschreibt das Buch eine schöne Geschichte über Freundschaft. ,Winnie, the Pooh' muß man einfach kennen - auch als Student.