Vatikanische Verschwörungstheorien

Liegt eine zweite Leiche im Gangstergrab?

Von Dirk Schümer, Venedig

03. Juli 2008 Die Verliese des Vatikan - mit diesem schauerromantischen Titel konnte nicht nur André Gide einen Roman gut verkaufen. Bis heute nährt der Mythos von den finsteren Geheimnissen des Priesterstaates die Phantasie - vor allem in Italien, das den Vatikanstaat umschließt, dessen Gesellschaft aber zudem spirituell von ihm durchdrungen wird. Die Enthüllungen einer früheren Gangsterbraut über die vermeintliche Verstrickung des Vatikans in Mord, Mafia und Prostitution haben daher eine sehr interessierte Öffentlichkeit gefunden. Es geht um die bis heute ungeklärte Entführung von Emanuela Orlandi, der fünfzehnjährigen Tochter eines Vatikan-Angestellten.

Auf den Tag fünfundzwanzig Jahre nach den Geschehnissen meldet sich nun eine gewisse Sabrina Minardi bei der Polizei, die als Geliebte eines römischen Gangsterbosses eine gewisse Notorietät erlangt hat. Ebendieser Renatino De Pedis habe die junge Emanuela Orlandi seinerzeit entführt und in einer Betongrube beseitigt, weil ihr Vater „im Vatikan Dinge zu Gesicht bekam, die er nicht hätte sehen sollen“. Ein Mord als Schweigegebot also? Als Auftraggeber identifizierte die Megazeugin Minardi einen alten Bekannten: Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, der von 1971 bis 1989 die Geldgeschäfte des Vatikans unumstritten leitete.

Straßenkriminalität im Auftrag des Geheimdienstes

Der Vatikan hat sich, was selten geschieht, sogleich hochoffiziell gegen die „haltlosen Beschuldigungen gegen einen Toten“ zur Wehr gesetzt. In Italien hat man Marcinkus, der 1989 in ein Dorf in der Wüste Arizonas strafversetzt wurde und dort vor zwei Jahren starb, ohnehin nie vergessen - taucht doch sein illustrer Name in den bis heute geheimnisvollen Dossiers um den (eigenhändig erhängten oder ermordeten?) Mailänder Bankier Roberto Calvi sowie um seinen (eigenhändig vergifteten oder ermordeten?) Kollegen Michele Sindona auf. Marcinkus, so sagte die Zeugin, die sich seit einem Vierteljahrhundert nicht gesprächsbereit gezeigt hatte, habe von ihr persönlich in einer geheimen Wohnung regelmäßig Prostituiertenbesuch zugeführt bekommen und gute Kontakte zum Gangster De Pedis unterhalten.

Die mafiöse Bande der „Magliana“ - benannt nach einem Ort im römischen Umland - ist nicht nur nach den neuen Aussagen, sondern seit je im Visier der Polizei bei allerhand finsteren Ermittlungen rund um Gewaltverbrechen der siebziger und achtziger Jahre. Das beunruhigende Filmepos „Romanzo criminale“ des Regisseurs Michele Placido, basierend auf einem Tatsachenroman des Richters Giancarlo De Cataldo, gab erst 2006 eine spezielle Version der Geschehnisse zum Besten: Die römischen Straßenkriminellen seien systematisch vom italienischen Geheimdienst unterwandert und geschützt worden, hätten provokante Attentate des rechten Terrorismus ebenso ausgeführt wie politische Morde im Dutzend. Erst als 1989 die blutige Faust des italienischen Antikommunismus nicht mehr gebraucht worden sei, habe man die Gangster fallengelassen.

Verschwörungstheorien als Volkssport

In der Tat hatte auch die italienische Polizei im Entführungsfall von Emanuela Orlandi gegen die „Magliana“-Bande ermittelt, als das Mädchen in den Tagen nach dem Attentat telefonisch als Geisel benutzt wurde, um niemand Geringeren als den Papst-Attentäter Ali Agca freizupressen. Sechzehn mysteriöse Erpresseranrufe aus römischen Telefonzellen beim päpstlichen Büro konnten keine Freilassung des Attentäters und auch nicht den geforderten Kontakt zum päpstlichen Staatssekretär Casaroli herbeiführen. Merkwürdigerweise identifizierte die linguistische Kriminalistik den Anrufer als einen gebildeten Amerikaner, der das Italienische erst nach dem Lateinischen erlernt habe und sich hervorragend in Rom auskenne.

Das alles klingt schauerlich und würde andernorts die Fundamente des Staates und der Kirche erschüttern, doch nie und nimmer in Italien. Hier zieht man mit dem verschwörungstheoretischen Volkssport der „Dietrologia“ weitere Verbindungslinien. Das Grab des wichtigsten und 1990 ermordeten „Magliana“-Gangsterbosses De Pedis befindet sich, sehr privilegiert, in der Basilika Sant'Apollinare: auf dem hoheitsrechtlich geschützten Territorium des Vatikans. Offizielle Version: Der Boss habe sich im Gefängnis zwischenzeitlich bekehrt und sei wegen „zahlreicher guter Taten für die Armen“ in den Genuss der ehrenvollen Grablege gekommen; der päpstliche Vikar für Rom, Kardinal Poletti, gab seinerzeit höchstselbst seine Zustimmung zur Beerdigung. Nach anonymen Hinweisen gegenüber der Polizei soll sich der Leichnam der nie aufgefundenen Emanuela Orlandi eben im Grab von De Pedis befinden. Auf dem Platz vor der Kirche, so viel steht fest, hatte man das Mädchen zuletzt lebend gesehen. Bisher verweigerte der Vatikan einer Öffnung des ominösen Gangstergrabes die Zustimmung.

Wer so gut Golf spielt, kann nicht böse sein

Die handfesten Schuldzuweisungen der neuen Zeugin, die vorher in Fernsehsendungen über vage Andeutungen nicht hinausgegangen war, werden einzig gestützt von ihrem Hinweis auf die Wohnung, in der das Opfer 1983 versteckt worden sein soll. In der Tat fand die Polizei nach ihren Beschreibungen nun ein römisches Kellerverlies und konnte sogar einen erhöhten Energieverbrauch direkt nach dem Verschwinden Emanuela Orlandis nachweisen. Andererseits bezieht die Zeugin vermeintliche Mittäter in ihren Privatkrimi ein, die während der Geschehnisse bereits gestorben oder im Gefängnis waren.

Italiens einstiger Mehrfach-Ministerpräsident Giulio Andreotti hat nun die Aussagen der Minardi als „romanzetto“, als Schundroman, abgetan. Das Wort eines solchen Staatsmannes würde in jedem anderen Land ihre Glaubwürdigkeit schwer erschüttern - aber nicht in Italien. Hier delektiert sich das Publikum derzeit im Kino an Paolo Sorrentinos Komplottfilm „Il divo“, in welchem der katholisch-zwanghafte Andreotti - meisterhaft gespielt von Toni Servillo - mit so gut wie jedem Politverbrechen der italienischen Nachkriegszeit in direkte Verbindung gebracht wird. Ein Abwiegeln Andreottis gibt daher jeder Verschwörungstheorie - und dann noch einer antivatikanischen - tüchtigen Schub. Wenn Andreotti dann noch mit seiner unnachahmlichen Infamie wissen lässt, Marcinkus sei ein „guter Priester“ gewesen und in den frommen Kreisen Roms vor allem für sein exzellentes Golfspiel beliebt, dann müssen für den ohnehin nicht guten Ruf des einstigen Almosenbänkers alle vatikanischen Alarmglocken läuten.

Der Philosoph Emanuele Severino, sonst als überzeugter Laizist und Freund der heidnischen Antike alles andere als ein Sachwalter des Katholizismus, tut im „Corriere della sera“ die Aufregung um den eigentlich abgeschlossenen, doch nie geklärten Fall Orlandi als typisch italienisches Sommertheater ab: „Viele Nationen, nicht nur die italienische, müssten vom Vatikan lernen, wie man einen Staat führt und wie man Politik macht.“ Aber sogar dieses Dementi bleibt zweischneidig. Meint Severino, der Vatikan sei bei Staatsverbrechen dieses Kalibers rein und unschuldig? Oder dass er seine notwendigen Übeltaten einfach klüger zu verbergen weiß als eine moderne Medienrepublik?



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

FAZ.NET-Buchshop

„Treffen sich zwei“ von Iris Hanika

Zwei Großstadt-Singles treffen sich in Kreuzberg an einem Bartresen. Beide sind jenseits der vierzig und es ist Sommer in Berlin: Nach einem ersten Blick beginnt der Reigen aus Ängsten, Neurosen, zarter Liebe und mißtrauisch beobachteter Leidenschaft ...

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche