24. Juli 2008 Als Angela Merkel nach ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin im Weißen Haus mit offenen Armen empfangen wurde, erklärte ein Diplomat diese Herzlichkeit mit der trockenen Bemerkung: Sie hat den großen Vorteil, nicht Gerhard Schröder zu sein.
So lässt sich auch ein Teil der Begeisterung interpretieren, mit der Senator Barack Obama - man muss kurz in Erinnerung rufen, dass er noch nicht einmal offiziell als Präsidentschaftskandidat der Demokraten nominiert ist - in Deutschland empfangen wird: Gefeiert wird er als lebendes Kontrastprogramm zu dem unpopulären Präsidenten Bush.
Obamania in Europa
Dennoch steckt hinter der auch hierzulande ausgebrochenen Obamania mehr als nur das. Offenbar sind die Erneuerungssehnsüchte und Heilserwartungen, die sich in Amerika an Obama geheftet haben, nach Europa herübergeschwappt.
Die Hoffnung, dass er ein anderes, ein neues, ein besseres Amerika verkörpere, wird vor allem von seiner Herkunft genährt: Erstmals steht ein Farbiger vor der Türschwelle zum Weißen Haus; einer, der es, nach populärer Lesart, demnach geschafft haben muss, von ganz unten nach ganz oben zu kommen. Die am mitreißenden Predigerstil schwarzer Kirchen geschulte Rhetorik des Kandidaten tut ein Übriges, um Massen anzulocken und zu entflammen.
Nach dem Vorbild Clintons
Diese Begeisterung wird auch nicht durch den ins Auge springenden Showcharakter seiner Auftritte gedämpft. Obamas Weltreise ist eine perfekt kalkulierte Inszenierung für den heimischen Wählermarkt, mit der eine seiner Schwächen - Mangel an internationaler Erfahrung - verdeckt werden soll. Selbst Obamas mehrfach geäußerte Aufforderung an die Europäer, sich im Kampf gegen den Terror, vor allem in Afghanistan, stärker zu engagieren, scheint dem deutschen Publikum bisher die Laune nicht zu verderben - so genau will man es vorerst, solange der mutmaßliche Kandidat noch nicht in der Kommandozentrale der Supermacht sitzt, gar nicht wissen.
Vielleicht gelingt es Obama tatsächlich nach dem Vorbild Clintons, Härte in der Sache mit versöhnlichen Worten und Gesten zu kaschieren. Bush jedenfalls hat nicht nur seine faktische Politik ins Popularitätstief gerissen; seine aggressive, zum intellektuell Groben und politisch Unhöflichen neigende Art, hat zu den Fehlern noch die negative Ausstrahlung hinzugefügt.
Leserforum: Ihre Meinung zu Obamas Berlin-Rede
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP