Video-Filmkritiken

Video-Filmkritik

Bezaubernd und verwirrend: „Lornas Schweigen“

Von Andreas Kilb

Video in voller Größe

09. Oktober 2008 Am Ende ist Lorna im Wald. Allein, auf der Flucht, in einer Hütte ohne Proviant. Da geschieht es, dass sie ihr Schweigen bricht. Zum ersten Mal in diesem Film redet sie mit sich selbst. „Ich werde uns Feuer machen, wir werden uns ausruhen, morgen gehen wir weiter ...“. Sie spricht zu einem Kind, das es nicht gibt, denn Lorna, sagen die Ärzte, ist nicht schwanger. Auch den Vater des Kindes gibt es nicht mehr; er kam durch Lornas Schuld ums Leben. Und doch ist die düstere Hütte ein Ort des Glücks. Denn Lorna ist entkommen: der Stadt und dem Tod. Im Märchen würden ihr jetzt die Tiere des Waldes ein Lager bereiten. Im Kino gibt es nur den Schnitt, der die Geschichte schließt. Kein Happy End. Aber ein Trost.

Die Filme der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne stehen wie Monolithe in der Landschaft der Kinematographie, sehr einsam, hoch und schroff. All das, was man auf amerikanisch eye candy nennt, die tägliche Augenwischerei des Kinos, verweigern sie ihrem Publikum: die bunten Stories, die Stars, das Rührselige, die Action und den Sex. Statt dessen erzählen sie Geschichten von Waffelverkäuferinnen („Rosetta“), Bauarbeitern („Das Versprechen“), Schreinermeistern („Der Sohn“) und Reinigungshilfen, die um ihre Würde und ihr Lebensglück kämpfen. Die Käuflichkeit des Menschen ist ein wiederkehrendes Motiv bei den Dardenne-Brüdern, weshalb man ihre Filme gern mit denen des Franzosen Robert Bresson („Das Geld“) vergleicht. Aber die Welt der Dardennes kennt, anders als das Universum Bressons, keine Transzendenz, das Religiöse kommt bei ihnen, wenn überhaupt, nur am Rande vor. Ihre Figuren müssen sich ohne jenseitige Sicherheiten im Diesseits durchschlagen, ohne Kirche und ohne Gott.

Ein kleines Glück

Auch Lorna hat sich verkauft. Um so rasch wie möglich die belgische Staatsbürgerschaft zu bekommen, hat sie den drogensüchtigen Claudy (Jérémie Renier) geheiratet. Und wenn Claudy, wie erhofft, seiner Sucht erlegen ist, soll Lorna gegen Bezahlung einen reichen Russen heiraten, der durch sie ebenfalls zum Belgier werden wird. So wollen es Lornas Schlepper Fabio (Fabrizio Rongione) und ihr albanischer Freund Sokol (Alban Ukaj). Und so will es auch Lorna. In der ersten Szene des Films sieht man sie am Bankschalter stehen, wo sie Geld einzahlt und ein Kreditgespräch beantragt, denn sie will zusammen mit ihrem Freund ein Imbissrestaurant aufmachen, irgendwo in Lüttich. Ein kleines Glück, ein Dutzendtraum. Lorna trägt dafür ihre Haut zu Markte.

Doch dann spielt ihr Schein-Ehemann nicht mit. Statt sich eine Überdosis zu verpassen, will Claudy mit den Drogen aufhören, denn er liebt die junge Frau, die er gegen bares Geld geheiratet hat. In der Welt der Dardennes zerbrechen die Geschäftsbeziehungen an den Gefühlen: Stolz, Neid, Eitelkeit, Liebe. In „Das Kind“, ihrem Film von 2005, verkauft ein junger Vater sein Baby, doch dann will er es zurück und löst eine Kette von Komplikationen aus. In „Lornas Schweigen“ hat die gekaufte Braut Mitleid mit ihrem Käufer und bringt dadurch die Pläne des Verkäufers zu Fall. Claudy, überlegt Lorna, müsste nicht sterben, wenn sie sich von ihm scheiden ließe. Aber um eine Blitzscheidung zu erlangen, muss Lorna als Misshandlungsopfer erscheinen. Der Blick, den Claudy ihr in der Entzugsklinik zuwirft, als er sie schlagen soll, und die kraftlose Ohrfeige, die er ihr gibt, setzen andere, tiefere Blicke und Berührungen in Gang. Als Claudy sich wieder Heroin besorgen will, bietet ihm Lorna als Ersatz ihren Körper an. Auf einmal sind Geld und Liebe nicht mehr synonym. Lornas Dilemma ist nicht weniger tragisch als das einer Heldin des Welttheaters, und wäre „Lornas Schweigen“ ein Bühnenstück, könnte sie darüber in langen, erlesenen Monologen räsonieren.

Das Zucken der Angst

Aber sie schweigt. Und dieses Schweigen gehört ebenso zur erzählerischen Ökonomie wie zur Magie des Dardenne-Kinos. Weil die Erklärungen fehlen, weil alles, was sonst auf der Leinwand dialogisch verhandelt wird, ungesagt bleibt, kann sich das gesamte Drama in den Gesichtern konzentrieren. Für die Rolle der Lorna haben die beiden Brüder die junge Albanerin Arta Dobroshi engagiert, die geradezu beängstigend perfekt das Gemisch von Zartheit und Härte in Lornas Wesen verkörpert. Auf der Straße geht sie mit ihren Stiefeletten und Lederjacken wie eine Frau, der man ein Verbrechen zutrauen würde; aus der Nähe sieht man unter der Maske der Entschlossenheit das Zucken der Angst. Dobroshis Schönheit, die in der belgischen Kulisse so fremd wirkt wie das Werk der Dardennes im zeitgenössischen Kino, ist noch nicht vom Starrummel entstellt, aber es ist klar, dass sie ihren Weg machen wird im europäischen Film, der auf Entdeckungen wie diese angewiesen ist, wenn er nicht an seiner subventionierten Weltlosigkeit ersticken will.

In Cannes, wo „Lornas Schweigen“ im Mai Premiere hatte, mussten sich die Dardenne-Brüder den Vorwurf gefallen lassen, ihr Film habe zu viel Handlung. Das ist so, als würde man George Lucas vorhalten, sein Sternenkino sei zu intellektuell. Trotzdem geht die Kritik nicht ganz daneben, denn „Lornas Schweigen“ überquert tatsächlich eine ästhetische Grenze. Zum ersten Mal seit ihren Anfängen erzählen die Dardennes nicht mehr mit unruhiger Handkamera, sondern in längeren, distanzierten, manchmal statischen Einstellungen. Dadurch verändert sich der Charakter ihrer Geschichte. Sie wird vom Erlebnisbericht zur Weltbeschreibung. Nicht mehr der Standpunkt der Personen, sondern der Standort der Kamera entscheidet über das Bild. In dieser Objektivierung liegt ein zeitdiagnostischer Reiz, aber auch eine Gefahr. Sie würde, konsequent eingesetzt, die Filme der Dardennes aussehen lassen wie andere Sozialdramen auch. Bei Ken Loach und Mike Leigh kann man studieren, welche Fallen auf einen allwissenden Erzähler warten. Wenn die Spannung in ihren Filmsujets nachlässt, gerinnen sie zum proletarischen Idyll.

Man kommt aus „Lornas Schweigen“ nicht erschüttert wie aus früheren Filmen der Dardennes, sondern bezaubert und verwirrt. Es ist, als hätten die belgischen Brüder diesmal nicht recht von ihrer Figur lassen können, als hätten sie Lorna in den Märchenwald geschickt, um sie bei Gelegenheit für eine andere Geschichte wieder hervorholen zu können. Dann aber wäre ihnen etwas Ähnliches passiert wie Lorna in der Geschichte: Sie hätten mit ihren Gefühlen ein Geschäft durchkreuzt. In den Geschäften des Kinos gelten freilich andere Regeln. Hier ist die Verliebtheit zweier Regisseure in die Hauptdarstellerin kein Weltuntergang. „Lornas Schweigen“ führt den Beweis.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Piffl

 

Video-Filmkritik: „Burn After Reading“

Liebesgrüße aus Washington

Spezial In „Burn After Reading“ schicken die Coen-Brüder Brad Pitt und George Clooney ins Spionagemilieu. Es wäre ein ganz normaler Agentenfilm, würden die Coens nicht alle Figuren so gegen den Strich bürsten, dass man sich über ihre Sonderbarkeiten totlachen muss. Von Michael Althen

Video-Filmkritik

Polit-Porno: „Der Baader Meinhof Komplex“

Spezial Ein Film, der nur aus Höhepunkten besteht: „Der Baader Meinhof Komplex“ erzählt die Geschichte der RAF als Actionfilm - aber bei so viel Stoff bleibt kaum je Zeit, den Blick auch mal auf die Menschen hinter den Aktionen zu richten. Von Michael Althen

Video-Filmkritik: „Gomorrha“

Die schmutzigen Hände über der Stadt

Spezial Matteo Garrones „Gommorha“ gewann in Cannes den Großen Preis der Jury. Auf der Grundlage des Bestsellers von Roberto Saviano erzählt er von der brutalen Sozialordnung der italienischen Camorra. Von Andreas Kilb

Video-Filmkritik

Siebzig, verschmäht: „Wolke neun“

Spezial Von einem Film, der „Wolke neun“ heißt, ist Heiterkeit nicht zu erwarten. Andreas Dresen erzählt in seinem in Cannes preisgekrönten Drama von Liebe, Sex und Ehebruch; seine Helden sind älter, als es die Kinonorm erlaubt. Von Peter Körte

Video-Filmkritik

Tolles soziales Panorama: „Couscous mit Fisch“

Spezial Der alte, aus Tunesien stammende Hafenarbeiter Slimane (Habib Boufares) will einen rostigen Kahn in ein Restaurant umfunktionieren. Mit seinem Film „Couscous mit Fisch“ präsentiert Abdellatif Kechiche eine Mischung aus Dokumentarfilm und Wunschtraum. Von Bert Rebhandl

Video-Filmkritik

Das Böse selbst: „The Dark Knight“

Spezial „The Dark Knight“, der zweite Batman-Film von Christopher Nolan, wird womöglich bald den Erfolg von „Titanic“ einholen. Der Film ist verdammt gut - und ein Denkmal für Heath Ledger, der als Joker alle Feinde dieser Welt in einer einzigen Figur vereinigt. Von Verena Lueken

Video-Filmkritik

Unmögliche Liebe: „Elegy“

Spezial Ein alternder Literaturprofessor beginnt eine Affäre mit einer jungen Studentin. Doch die Liebe zwischen Penelope Crúz und Ben Kingsley, von der Isabel Coixet in ihrer Philip-Roth-Adaption „Elegy“ erzählen will, wird erstickt in edlen Bildern.

Video-Filmkritik

Der Star aus der Fabrik: „Factory Girl“

Spezial George Hickenloopers „Factory Girl“ erzählt das Leben von Edie Sedgwick, Andy Warhols berühmter Muse. Sie war die Einzige, die er wirklich ins Herz schloss und die er doch in seiner glamourösen Film-„Factory“ verschliss. Von Bert Rebhandl