Video-Filmkritiken

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Siebzig, verschmäht: „Wolke neun“

Von Peter Körte

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04. September 2008 Was kann ein Film dafür, wenn alle sofort raunen, er bräche mutig ein Tabu - als wäre nicht die Floskel vom Tabubruch längst ein sicheres Indiz für gähnende Langeweile? Der Regisseur kann auch nichts dafür, weil er nichts dergleichen behauptet hat. Andreas Dresen, 45, der seit einigen Jahren für die deutsche Variante des britischen Kitchen-Sink-Realismus zuständig ist, hat für „Wolke neun“ einen Preis in Cannes gewonnen, den „Coup de Coeur“, weil er zeigt, wie eine verheiratete Frau sich in einen Mann verliebt, wie sie miteinander schlafen, wie sie nicht voneinander lassen können und die Ehe der Frau dabei langsam zerfällt. Wobei man sofort ergänzen muss, dass Dresen den Preis vermutlich nicht bekommen hätte, wenn die Frau nicht Ende sechzig und die beiden Männer nicht jenseits der siebzig wären und wenn er nicht ihre sexuelle Leidenschaft so nüchtern zeigte wie ein Ethnologe, der seine Zuschauer damit verblüffen will, dass auch ein entlegener Volksstamm schon das Rad erfunden hat.

Aber statt vom Tabu zu reden, kann man sich ja auch einfach ansehen, wie Dresen diese Geschichte erzählt. Die Anstrengung, das Leben und nichts anderes auf der Leinwand zu zeigen, sich in Lebenswelten und an Orte zu begeben, auf die sonst keiner guckt, das Fernsehen nicht und nicht der Boulevard, weil sie wenig glamourös sind und eher deprimierend, etwas grau und eben sehr alltäglich - das ist zu Dresens Markenzeichen geworden. So hat er in „Halbe Treppe“ gearbeitet und in „Sommer vorm Balkon“, die sich beide mächtig mühten, in den Alltag in Frankfurt (Oder) oder in Prenzlauer Berg einzutauchen und dabei eine Lebensähnlichkeit zu simulieren, die bei genauerem Hinsehen doch ziemlich stark konstruiert war.

Schwer symbolische Zutat

Man sieht das an Kleinigkeiten. Wenn in „Wolke neun“ anfangs die Nähmaschine im Schlafzimmer rattert, wenn Inge (Ursula Werner) ihre Arbeit beendet, dann muss die Kamera unbedingt so nahe herangehen, dass man das Firmenschild auf der Maschine lesen kann: „Veritas“. Niemand zweifelt daran, dass es diese Typenbezeichnung gibt; aber es ist ein Detail, das man besser ausließe, als es ins Bild zu rücken, weil es eben so aussieht wie ein schlechter Regieeinfall, wie eine schwer symbolische Zutat.

Was sich zwischen Inge, ihrem Mann Werner (Horst Rehberg) und Karl (Horst Westphal) abspielt, das ist nichts weiter als eine Boy-Meets-Girl-Geschichte unter Senioren. Inge geht mit einer geänderten Hose bei Karl vorbei, murmelt wenig überzeugend, sie sei gerade in der Gegend gewesen, und aus der Anprobe ergibt sich fast ansatzlos leidenschaftlicher Sex; der Bildhintergrund ist gleißend weiß, man sieht welkes Fleisch und Altersflecken, hängende Brüste und tiefe Falten statt jener turbogestylten Benutzeroberflächen, in welche das Mainstream-Kino wie die Pornoindustrie den menschlichen Körper verwandelt haben - mit dem Erfolg, dass Sex sich nach einem imaginären Hygienehandbuch vollzieht und weniger nach Sex aussieht als nach einem lange trockengelegten Feuchtgebiet.

Alterslose Rituale

Dass Dresen keine Weichzeichneroptik mit zerknüllten Laken und zuckenden Füßen will, ist ja nur verständlich, wenn es um eine Amour fou gehen soll, doch das Alter der Helden schiebt sich bald auf eine Weise in den Vordergrund, als sei es weit wichtiger als die alterslosen Rituale der Liebe. Und das ist dann doch etwas ganz anderes als, nur zum Beispiel, die ganz normalen, ungestylten Körper in Nicholas Roegs „Bad Timing“ (1980) oder in Patrice Chéreaus „Intimacy“.

Es fehlt genau diese Beiläufigkeit, und kein noch so entlegenes Detail kann davon ablenken. Dass der ehemalige Lehrer Werner zu Hause nackt vorm Laptop steht, weil man offenbar in der DDR ein anderes Verhältnis zur Nacktheit pflegte; dass er als Eisenbahnfan Schallplatten mit Zuggeräuschen abspielt und nur zum Spaß mit seiner Frau Zug fährt, ohne dass die sich sonderlich für dieses Hobby interessierte, sorgt auch nicht gerade für besonders kräftige Konturen. Werner ist halt nur einer dieser Ehemänner, die sich intellektuell überlegen fühlen und nicht merken, dass sie in ihrer Oberlehrerhaftigkeit ihre Frau gar nicht mehr erreichen, bis sie eines Tages aufwachen und ihre Welt in Trümmern liegt. Nicht sonderlich originell - und auch nicht unbedingt altersabhängig.

Drei erfahrene Schauspieler

Weil er behutsam und doch pointiert inszenieren kann, weiß Andreas Dresen zwar, wie man den Stand der Dinge in einer Beziehung zeigt: die kleinen Momente des Ehealltags, die Gesten und eingeschliffenen Wortwechsel, denen die Routine aus Jahrzehnten anzusehen ist, die eiserne Rollenverteilung, der Austausch zwischen Mutter und Tochter, ob sie ihre Affäre geheim halten soll. Aber wirklich abendfüllend ist das nicht. Dresen mag seine Charaktere, er rückt ihnen mit Sympathie dicht auf den Leib, und er hat auch drei erfahrene Schauspieler, die seit fast vierzig Jahren im Geschäft sind (und von denen man zwei auch schon in seinen früheren Filmen gesehen hat). Und die als Profis natürlich auch wissen, wie sich aus einer Drehbuchskizze eine Story entwickeln lässt.

Diese Story erzählen zu wollen, um zu zeigen, dass das Liebesleben im Alter nicht zu Ende ist, dass Liebeskummer, Aufregung oder Eifersucht kein biologisches Verfallsdatum haben, ja, das ist alles gut und schön und sehr verdienstvoll, weil unsere Gesellschaft bekanntlich immer älter wird und ihr womöglich irgendwann mal die jugendlichen Kinohelden ausgehen - doch Ähnliches könnte man auch von Doris Dörries „Kirschblüten - Hanami“ sagen, in dem ein moribunder Pensionär nach dem Tod seiner Frau Trauerarbeit verrichtete. Der Mut allein, von den Gefühlen und dem Begehren von Menschen jenseits der Pensionsgrenze zu erzählen, ergibt noch keinen aufregenden Film; es ist allenfalls eine Fernsehredakteursidee, die schon nach dem Publikum von Morgen schielt und sich nicht mehr auf die 14- bis 49-Jährigen verlassen will, die den Öffentlich-Rechtlichen sowieso davonlaufen.

„Wolke neun“ ist in diesem Sinne ein Exploitation-Film. Er überträgt bestimmte Erzählmuster auf die Seniorenwelt, so wie die Blaxploitation-Filme der siebziger Jahre die gängigen Regeln des Thriller- und Gangstergenres auf afroamerikanische Milieus anwendeten. Andreas Dresen tut natürlich alles, um das zu verwischen, er möchte nicht vergröbern und schon gar nicht reißerisch sein, er will auch keinen Senioren-Softporno drehen - aber dass die ganze Story, die er zu erzählen hat, nur eine Ehebruchsgeschichte mit fatalen Folgen ist, dass er einen tragischen Schluss dem normalen, traurigen Gang der Dinge vorzieht, all das zeigt, dass er vor allem seinen Distinktionsgewinn kapitalisieren will. Denn die Art und Weise, wie er diese Liebesgeschichte erzählt, die ist halt ziemlich fad und vorhersehbar, und da spielt es auch keine Rolle, ob die Protagonisten nun dreißig, fünfzig oder siebzig sind.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Senator

 

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