14. Oktober 2008 Deutschland droht im kommenden Jahr eine Stagnation der Wirtschaft selbst dann, wenn die Folgen der Finanzkrise weitgehend abgemildert werden können. Sollte jedoch die Verunsicherung von Unternehmen und Konsumenten andauern und es zu einer Kreditklemme kommen, dann ist in Deutschland sogar mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen. Das geht aus dem Herbstgutachten der Forschungsinstitute hervor, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Im Herbst 2008 befindet sich die deutsche Wirtschaft am Rande einer Rezession“, schreiben die Ökonomen der acht Institute, die das Gutachten erstellt haben.
Die Volkswirte haben zwei Szenarien berechnet, weil die Unsicherheitsmarge dieses Mal besonders groß sei. In ihrem Basisszenario für 2009 unterstellen sie, dass sich die Produktion nach dem Jahreswechsel langsam wieder belebt, der Ölpreis von jetzt rund 80 wieder auf 100 Dollar je Barrel steigt und die Arbeitslosenquote sich mit 7,5 Prozent kaum verändert. In diesem Fall wird die deutsche Wirtschaft dennoch mit 0,2 Prozent kaum noch wachsen.
Im Risikoszenario ist von ausgeprägter Rezession die Rede
In ihrem Risikoszenario für das kommende Jahr gehen die Forscher von gravierenden Folgen der Finanzkrise für die Gesamtwirtschaft aus. Die Forscher erwarten in diesem Fall eine Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts um 0,8 Prozent. Damit geriete Deutschland in eine ausgeprägte Rezession, wie sie zum Beispiel nach den Ölpreisschocks in den siebziger Jahren und zu Beginn der achtziger Jahre zu beobachten war.“
Auch der private Konsum würde in diesem Fall zurückgehen, weil die Bürger aus Verunsicherung mehr sparten. Die Forscher rechnen in ihrem Risikoszenario damit, dass 2009 in einer Rezession fast 400.000 Arbeitsplätze verlorengehen würden und die Arbeitslosenquote um 0,8 Punkte auf 8,3 Prozent steigen würde. Die Institute schränkten zwar ein, dass sie das Risikoszenario nach wie vor für weniger wahrscheinlich als ihre Basisprognose“ hielten. Das Risiko, dass die ungünstigere Entwicklung eintreten werde, habe sich in den vergangenen Wochen aber vergrößert.
Die Finanzmarktkrise und die Konjunkturschwäche treffen dabei das verarbeitende Gewerbe in Ostdeutschland nach Ansicht der Forscher weniger hart als in den alten Ländern. Zwar bleibe das gesamte Wirtschaftswachstum mit 1,3 Prozent hinter dem Westwert zurück, 2009 stagniere es sogar. Die Industrie lege aber stärker zu als im Westen und sei weniger anfällig für die Marktverwerfungen. Das sei der geringeren Abhängigkeit vom Weltmarkt geschuldet sowie der Ausrichtung auf das weniger krisengeschüttelte Osteuropa. Zudem stiegen die Lohnstückkosten langsamer als im Westen.
Institute bewerten Rettungspaket als positiv
Die Wirtschaftsinstitute haben das Rettungspaket der Bundesregierung unterdessen positiv bewertet. Es mindere das Risiko eines starken Abschwungs in Deutschland, sagte der Sprecher der Institute, Udo Ludwig, bei der Vorstellung des Herbstgutachtens in Berlin. Angesichts der Finanzmarktkrise sei entschlossenes Eingreifen des Staats gefordert, sagte Ludwig. Allerdings müssten dabei Fehlanreize vermieden werden. Die Aufgabe ist extrem schwierig, sagte der Wirtschaftsexperte. Einerseits gelte es, eine systemische Krise zu verhindern; dazu bedürfe es einer umfassenden Lösung. Andererseits müssten allzu große Belastungen für den Steuerzahler vermieden werden. Nötig sei deshalb eine Variante, bei der der Staat von etwaigen Gewinnen partizipiere.
Die Lage der öffentlichen Haushalte werde sich durch die Krise verschlechtern, sagte Ludwig weiter. Dies sei aber kein Grund für einen restriktiven Finanzkurs oder für Maßnahmen zur Vermeidung eines Defizits. Ein klassisches Konjunkturprogramm, wie es der Deutsche Gewerkschaftsbund gefordert hatte, lehnen die Wirtschaftsforscher als wenig erfolgversprechend ab. Dennoch befürworten sie Entlastung für die Bürger, die die Konjunktur stützen könnten. In Betracht kämen eine Senkung der Einkommensteuer oder die Verminderung der Sozialabgaben, die rasch umsetzbar wären. Gleichwohl dürfe dies nicht zur Abkehr vom Konsolidierungskurs oder zu einer dauerhaft höheren Verschuldung führen, sagte Ludwig. Als Gegenmaßnahme käme ab 2010 ein schnellerer Abbau von Subventionen infrage.

Bislang sieht es auf dem Arbeitsmarkt noch gut aus. Doch Deutschlands Ökonomen prophezeien nichts Gutes
Merkel: Staatliches Konjunkturprogramm nicht nötig
Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) trotz der Finanzkrise noch keine Notwendigkeit für ein staatliches Konjunkturprogramm. Am Donnerstag will die Regierung ihre Prognose für 2009 präsentieren. Aus Regierungskreisen ist zu hören, dass die frühere Prognose von 1,2 Prozent auf eine Zuwachsrate zwischen null und 0,5 Prozent gesenkt werden soll.
In der Wirtschaft gibt es nicht nur unterschiedliche Ansichten darüber, wie stark sich die Finanzkrise auf die Unternehmen auswirken und ihre Kreditaufnahme behindern könnte, auch die Meinungen über staatliche Maßnahmen klaffen auseinander. Während der Deutsche Industrie- und Handelskammertag Konjunkturprogramme und einen Öko-Bonus zur Ankurbelung der Autokonjunktur ablehnt, hat sich das Handwerk für staatliche Maßnahmen ausgesprochen, um die Sanierung von Gebäuden zu fördern.
Text: km./mmue./itz./F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z., reuters
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